Salzburger Künstlerinnen und Künstler der Moderne
Ein Maler, der seine Fresken gegen Lebensmittel tauschte, ein Keramiker mit Atelier auf der Festung und eine Sommerakademie, die Oskar Kokoschka 1953 als Schule des Sehens gründete. Wer die Salzburger Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt hat.
Wovon die Sammlungen zeugen
Wer wissen will, wer die Salzburger Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt hat, findet die belastbarste Antwort in zwei Sammlungen. Die Grafiksammlung des Salzburg Museum umfasst über 55.000 Blatt vom 17. bis ins 21. Jahrhundert und sammelt schwerpunktmäßig Ansichten aus Salzburg und heimische Künstlerpersönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Sammlung Kunst ab 1800 deckt mit Gemälden, Skulpturen und Plastiken das Spektrum von der Moderne bis in die Gegenwart ab. Die Namen, die dort genannt werden, sind die Grundlage der folgenden Lebensläufe.
Anton Faistauer (1887 bis 1930)
Geboren am 14. Februar 1887 in St. Martin bei Lofer im Pinzgau, studierte er ab 1906 an der Wiener Akademie der bildenden Künste. 1909 gehörte er mit Egon Schiele, Franz Wiegele und Albert Paris Gütersloh zu den Gründungsmitgliedern der Neukunstgruppe, die sich gegen den Akademiebetrieb stellte. 1914 erhielt er den Reininghaus-Preis, 1917 organisierte er eine Kunstausstellung in Stockholm.
1919 kehrte er nach Salzburg zurück und gründete dort mit Felix Albrecht Harta (1884 bis 1967) und Vonwiller die Künstlervereinigung "Wassermann". Was danach entstand, sagt viel über die wirtschaftliche Lage der Nachkriegsjahre: Die Fresken der Pfarrkirche Morzg malte er ab 1921 gegen Lebensmittel. 1926 folgten Wandbilder im Stift St. Peter und im Foyer des Salzburger Festspielhauses.
Diese Foyerfresken sind der bekannteste Fall von Kunstzerstörung in der Salzburger Moderne: Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten wurden sie entfernt und teils mutwillig beschädigt; erst 1956 kamen sie zurück, zum Umbau 2006 wurden sie grundlegend restauriert. Die Geschichte des Hauses steht im Beitrag zu den Veranstaltungsorten in Salzburg. Faistauer selbst starb am 13. Februar 1930 in Wien, einen Tag vor seinem 43. Geburtstag; die Stationen führt der Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon.
Die Generation zwischen den Kriegen
In den Sammlungen des Salzburg Museum steht Faistauer nicht allein. Aus derselben Generation sind dort vertreten:
- Felix Albrecht Harta (1884 bis 1967), Mitgründer der Wassermann-Gruppe.
- Max Peiffer Watenphul (1896 bis 1976), der aus dem Bauhaus-Umfeld kam.
- Georg Jung (1899 bis 1957) und Josef Schulz (1893 bis 1973).
- Albert Birkle (1900 bis 1986), in der Grafiksammlung vertreten.
- Josef Felsinger (1908 bis 1972).
- Helene von Pausinger (1871 bis 1956).
- Karl Schindler (1928 bis 2018) und Rudolf Hradil, beide in der Grafiksammlung.
Herausgegriffen sei eine, die auch im Gedenktafelprojekt der Stadt steht: Emma Schlangenhausen (1882 bis 1947), Malerin und Grafikerin, wohnhaft am Mönchsberg 24. 1934 schuf sie die Kreuzwegbilder aus Messing für die Kapelle des Johannes-Schlössls. Ihre Blätter liegen in der Grafiksammlung des Salzburg Museum; weitere Frauen aus derselben Reihe stehen im Beitrag zu den bedeutenden Frauen aus Salzburg.
Einen Namen trägt die Stadt selbst: Hans Makart, geboren am 28. Mai 1840 in Salzburg, gestorben am 3. Oktober 1884 in Wien, gilt als der repräsentative Maler der Wiener Ringstraßenepoche und war auch als Innenausstatter tätig. Das Salzburg Museum führt 36 Objekte von oder zu ihm. Nach ihm sind der Makartplatz und der Makartkai benannt - er gehört allerdings zur Vorgeschichte der Moderne, nicht zu ihr.
Oskar Kokoschka und die Schule des Sehens
Die folgenreichste Einzelentscheidung für die Salzburger Kunst nach 1945 traf ein Zugereister. Im Sommer 1953 gründete Oskar Kokoschka (1886 bis 1980) auf der Festung Hohensalzburg die Internationale Sommerakademie für bildende Kunst als "Schule des Sehens" - die erste Kunstsommerakademie auf europäischem Boden und ein bewusstes Gegenmodell zu den nationalen Kunstakademien. In seinem Lehrkonzept gab es keine Trennlinie zwischen künstlerischem Handwerk und intellektueller Bildung. In elf Sommern stieg die Zahl der Teilnehmenden von 30 im Jahr 1953 auf 250 im Jahr 1963.
Kokoschka selbst war expressionistischer Zeichner, Maler und Schriftsteller; im Nationalsozialismus galt seine Kunst als "entartet" und war verboten. Er emigrierte 1934 nach Prag und 1938 nach Großbritannien, wo er bis 1953 lebte, und zog danach an den Genfersee, wo er 1980 starb. Künstlerisch positionierte er sich gegen die von den USA ausgehende abstrakte Moderne - ein Gegensatz, der bis in die 1970er Jahre die westeuropäische Kunstwelt bestimmte und auch das Lehrprogramm der Sommerakademie prägte, das anfangs aus vier Klassen bestand.
Die Akademie geht mit ihrer eigenen Vorgeschichte offen um. Organisatorischer Leiter zu Kokoschkas Zeit war der Galerist Friedrich Welz, in der NS-Zeit einer der führenden Kunsthändler des Deutschen Reichs und Leiter der Salzburger Landesgalerie. Kokoschkas Nachfolger ab 1964 war Hermann Stuppäck, zuvor ranghöchster Wiener NS-Kulturfunktionär, von 1962 bis 1976 auch Präsident des Salzburger Kunstvereins und bis 1980 Leiter der Sommerakademie. Dass gleich zwei Profiteure des NS-Regimes die ersten Jahrzehnte prägten, hält die Institution in ihrer eigenen Chronik als typisch für die österreichische Kulturpolitik nach 1945 fest.
Unter Stuppäck wurde erstmals auch abstrakte Kunst gelehrt; mit bis zu 650 Studierenden erreichte die Akademie unter ihm die höchsten Teilnehmerzahlen. Wieland Schmied war von 1981 bis 1999 Präsident, Barbara Wally von 1999 bis 2008 Direktorin - sie lud ab den 1990er Jahren gezielt Künstlerinnen ein, vor allem Protagonistinnen der feministischen Kunst, und brachte Body Art, Medienkunst sowie installative und performative Konzepte ins Programm.
Was die Sommerakademie sonst nach Salzburg holte
Die Kurse spiegeln, wo die Kunst gerade stand - manchmal weit vor der staatlichen Ausbildung, manchmal hinterher. In den 1950er und 1960er Jahren unterrichteten dort Konrad Wachsmann und Jacob Berend Bakema Architektur, und die Akademie war den staatlichen Lehrplänen damit voraus. Umgekehrt kamen mit Allan Kaprow und Wolf Vostell zwei zentrale Figuren der Performance erst 1984 nach Salzburg, also lange nach dem Höhepunkt dieser Kunstform. Beides hält die Akademie in ihrer Chronik selbst fest.
In den 1980er Jahren kam unter Wieland Schmied ein Programm aus kunsthistorischen Vortragsreihen, Symposien zur Postmoderne und Diskussionen über Kunst im öffentlichen Raum dazu. Wie Kunst im öffentlichen Raum in Salzburg heute geregelt ist, steht im Beitrag zur Street Art in Salzburg.
Nach 1945: Abstraktion, Keramik, ein Atelier auf der Festung
Der Maler und Grafiker Slavi Soucek war nach dem Zweiten Weltkrieg einer der ersten Vertreter abstrakter Kunst in Salzburg; ab 1955 arbeitete er mit Kokoschka an der Sommerakademie. Nach ihm ist bis heute der Grafikpreis des Landes benannt.
Arno Lehmann (1905 bis 1973) richtete sich 1949 Atelier und Wohnung auf der Festung Hohensalzburg ein und arbeitete dort als Keramiker, Maler und Bildhauer. Der Großteil seines Werks entstand zwischen 1949 und 1972; seine Gefäßkeramik weicht vollständig von der Standardform einer Vase oder eines Krugs ab. Er steht im Zentrum der Keramiksammlung des Salzburg Museum, in der auch Gudrun Baudisch-Wittke (1907 bis 1982), Ignaz Fiala (1875 bis 1958), Luise Spannring, Heinz Husiatynski (1944 bis 1995) und Eva Klinger-Römhild (1945 bis 2013) vertreten sind - nachzulesen in der Beschreibung der Sammlung Angewandte Kunst und Alltagskultur.
Zwei Frauen prägten die Nachkriegsjahre besonders: Agnes Muthspiel (1914 bis 1966), Vertreterin der "Salzburger Gruppe", deren Atelierwohnung im Abtsturm am Mönchsberg zum Treffpunkt von Künstlerinnen, Künstlern und Intellektuellen wurde, und die Bildhauerin Hilde Heger (1899 bis 1998), deren Brunnenfiguren und Plastiken bis heute im öffentlichen Stadtraum stehen.
Woran das Land seine Auswahl festmacht
Wer heute als Salzburger Künstlerin oder Künstler gilt, lässt sich an den Preisen des Landes ablesen - und die tragen ihrerseits die Namen der Moderne.
- Anton-Faistauer-Preis für Malerei: alle drei Jahre, österreichweit, für Kunstschaffende unter 40 Jahren, dotiert mit 7.300 Euro, dazu zwei Anerkennungspreise zu je 1.700 Euro.
- Slavi-Soucek-Preis für Druckgrafik: alle drei Jahre an Salzburger Grafikerinnen und Grafiker, 7.000 Euro; in den Jahren dazwischen vergibt das Land Soucek-Stipendien zu je 4.000 Euro. 2022 ging der Preis an Christian Schwarzwald, 1971 in Salzburg geboren, seit 2017 Professor an der Wiener Akademie.
- Arno-Lehmann-Preis für Keramik: seit 1989 vergeben, seit 1993 österreichweit ausgeschrieben, 2025 zum zwölften Mal. Die Jury wählte aus fast 60 Einreichungen elf Positionen für die Anwärterausstellung aus. Es ist die einzige österreichische Auszeichnung in diesem Bereich; die Ausstellung dokumentiert das Traklhaus.
- Eligius Schmuckpreis und der Landespreis für elektronische Musik "Elektronik-Land", seit 2001 alle zwei Jahre vergeben und österreichweit einzigartig.
- Großer Kunstpreis des Landes Salzburg für ein Gesamtwerk; die Sparten wechseln im Vier-Jahres-Rhythmus. 2025 ging er an die Choreografin Susan Quinn, die von 1991 bis 2006 ihre eigene Kompanie leitete, Gründungsmitglied der Tanzplattform tanz_house ist und 2008 die Kompanie BODHI PROJECT ins Leben rief.
Dazu kommen sieben Jahresstipendien in Bildender und Darstellender Kunst, Film, Fotografie, Medienkunst, Musik und Literatur. Die Namen des Jahrgangs 2025 zeigen, wie die Szene heute aussieht: Dominik Louda, 1985 in Tamsweg geboren, ausgebildet an der Wiener Akademie und in Kopenhagen, mit Ankäufen im Wien Museum, im Salzburg Museum und in der Artothek des Bundes; die Medienkünstlerin Christiane Peschek, in Salzburg geboren, deren Arbeiten mit WLAN-Strahlung, Geruch, Klangfrequenzen und visuellen Reizen arbeiten; die Schmuckkünstlerin Sonja Bischur, 1966 in Salzburg geboren; die Grafikerin Kamile Jadevičiūte, 1992 in Vilnius geboren, seit 2022 in Salzburg; die Autorin Anna-Maria Stadler, in Oberndorf geboren, mit Studien an Mozarteum und Universität Salzburg. Auch die Sammlungen des Salzburg Museum führen die Gegenwart mit: Marianne Lang (geboren 1979), Tina Graf (geboren 1997) und Jari Genser (geboren 1983) stehen dort neben Faistauer und Makart. Die vollständigen Porträts stehen in der Broschüre "Preise und Stipendien 2025" des Landes Salzburg.
Wo die Werke hängen
Die Sammlungsbestände liegen im Salzburg Museum, die Moderne und Gegenwart im Museum der Moderne am Mönchsberg und im Rupertinum. Der Grundstock des Rupertinums geht auf die Schenkung von Friedrich Welz zurück - dieselbe Person, die schon die Sommerakademie mitorganisiert hat. Wechselausstellungen zeigen die Galerien in Salzburg, darunter die Galerie im Traklhaus, in der die Landespreise vergeben werden.
Stand August 2026. Lebensdaten nach den Sammlungsbeschreibungen des Salzburg Museum (Kunst ab 1800, Grafik, Angewandte Kunst und Alltagskultur) sowie nach dem Österreichischen Biographischen Lexikon; Angaben zur Sommerakademie nach deren eigener Chronik; Preisdaten nach der Preisbroschüre 2025 des Landes Salzburg, der Landeskorrespondenz und dem Traklhaus. Bei Emma Schlangenhausen nennt die Sammlung Kunst ab 1800 als Geburtsjahr 1872, die Grafiksammlung und die Publikation der Stadt Salzburg nennen 1882. Zu Slavi Soucek liegen in den amtlichen Quellen keine Lebensdaten vor.