Paracelsus in Salzburg
Der erste gesicherte Beleg seines Lebens ist ein Brief aus Salzburg vom 15. August 1524. Siebzehn Jahre später diktierte er in der Kaigasse sein Testament und starb drei Tage danach. Was über Theophrast von Hohenheim belegt ist - und was Legende.
Der erste gesicherte Tag seines Lebens war ein Salzburger
Von Theophrast von Hohenheim, der sich später Paracelsus nannte, ist bis zu seinem einunddreißigsten Lebensjahr fast nichts urkundlich belegt. In keiner europäischen Stadt, in keiner Universitätsmatrikel ist er gesichert nachweisbar. Der erste feste Punkt in seinem Lebenslauf stammt aus Salzburg: ein abschriftlich überlieferter Brief vom 15. August 1524. Damals war er bereits promovierter Arzt und stand am Beginn seines vierten Lebensjahrzehnts.
Er wohnte im Haus Pfeifergasse 11 im Kaiviertel, direkt neben dem Rapplbad, dem größten der Salzburger Bäder. Dort fand er als Arzt sein Auskommen, und dort entstand auch sein Freundeskreis: Er war mit Hans Rappl befreundet, dem Besitzer des Bades, den er siebzehn Jahre später in seinem Testament bedachte. Dass er überhaupt in der Pfeifergasse gewohnt hat, weiß man erst seit 1918, als eine Abschrift des Protokolls über seine zurückgelassene Habe auftauchte. Seit 1937 trägt das Haus eine Gedenktafel. Diese Rekonstruktion stammt vom Stadtarchiv Salzburg, das die Quellenlage in seiner Chronik der Stadt Salzburg aufgearbeitet hat.
Woher er kam
Geboren wurde er vermutlich Ende 1493 in Einsiedeln in der Schweiz, als Sohn des Arzneilizentiaten Wilhelm Bombast, eines unehelichen Nachkommens der Adelsfamilie Bombast von Hohenheim bei Stuttgart. Die Mutter stammte aus einer der führenden Familien Einsiedelns, war aber Leibeigene des Abtes - und nach mittelalterlichem Rechtsgrundsatz blieb es damit auch ihr Sohn, lebenslang. Das hatte praktische Folgen: Persönliche Freiheit war Bedingung für das Bürgerrecht und für die Aufnahme in eine Zunft. Ein fahrender Arzt ohne festen Wohnsitz zu bleiben, war für ihn also nicht nur Temperament, sondern Rechtslage.
Ab 1502 lebte der Vater in Villach in Kärnten. Über die Ausbildungsjahre gibt es fast nur autobiografische Angaben, und die halten der Prüfung oft nicht stand. Ein Bakkalaureat in Wien 1510 ist nicht belegt; die Promotion zum Doktor beider Arzneien in Ferrara stützt sich allein auf seine eigene Aussage und wurde von Medizinhistorikern bezweifelt. Die legendären Reisen bis nach Ägypten gehören ins Reich der Erfindung - nachweisbar bewegte er sich vor allem im mitteleuropäischen Raum, zwischen 1516 und 1524 nach eigenen Angaben auch als Feldarzt in mehreren Kriegen.
Belegbar ist dagegen sein Weg über die Bergbaugebiete. Seine Schrift über die Bergsucht, also die Berufskrankheiten der Bergleute, dürfte mit einem Aufenthalt in Schwaz in Tirol zusammenhängen; danach führte ihn der Weg nach Gastein und Rauris im Salzburger Land. Um 1525 entstand sein Baderbüchlein, in dem er 17 europäische Wildbäder und Sauerbrunnen behandelt und dabei die Gasteiner Verhältnisse so genau kennt, dass an seinem Aufenthalt dort niemand zweifelt. Wer die Thermen im Gasteinertal heute besucht, steht an einem Ort, den er beschrieben hat - die aktuellen Angaben dazu stehen bei den Thermen in Bad Gastein.
Was er in Salzburg schrieb - und was er nicht tat
In Salzburg entstanden seine ersten datierten theologischen Schriften. Eine Marienschrift, deren Begleitschreiben ihn am 15. August 1524 in der Stadt ausweist; drei Wochen später eine Trinitätsschrift, in der er sich gegen den Vorwurf verteidigte, ein Erzketzer zu sein; Anfang 1525 eine Streitschrift gegen die "7 Punkte des christlichen Götzendienstes". Ende März 1525 schickte er von Salzburg aus seine Auslegung der ersten fünf Kapitel des Matthäus-Evangeliums an Martin Luther, Johannes Bugenhagen und Philipp Melanchthon. Die Echtheit dieses Briefes wird von der Forschung nicht mehr bestritten; eine Antwort ist nicht bekannt.
Damit ist die Legende, an der sich Salzburger Stadtführungen lange festhielten, nicht mehr haltbar. Paracelsus hat nicht als Laienprediger die Bauern aufgewiegelt, er war nicht im Auftrag des Landesherrn inhaftiert, und der angebliche große Gegensatz zum absolutistisch regierenden Kardinal Matthäus Lang ist widerlegt - es ist nicht einmal sicher, ob die beiden einander kannten. Auch eine Beteiligung am Salzburger Bauernkrieg des Jahres 1525 ist nicht nachweisbar.
Belegt ist nur der Abgang. Ein abschriftlich erhaltenes Protokoll von 1526 hält fest, dass Paracelsus die Stadt Ende Mai 1525 zu Beginn des Bauernkriegs fluchtartig verließ und seine Habe samt Schulden beim Wirt Christoph Riß zurückließ - jenem Gastwirt am heutigen Mozartplatz, der studiert hatte, Mitbesitzer eines Bergwerks und Ratsherr war und 1541 Salzburger Bürgermeister wurde. Sein Freund Michael Setznagel ließ die Sachen inventarisieren. Dieses Inventar ist der Grund, warum wir heute wissen, wo er gewohnt hat.
Sechzehn Jahre unterwegs
Nach 1525 lässt sich sein Weg gut verfolgen, und er führt konsequent dorthin, wo gedruckt und gelehrt wurde: 1526 Bürger in Straßburg, 1527 Stadtarzt von Basel und Lehrender an der dortigen Universität - bis er nach Streit mit der Medizinischen Fakultät auch diese Stadt fluchtartig verließ. Über Colmar und Esslingen kam er nach Nürnberg, wo unter dem Namen "Paracelsus" seine ersten Schriften erschienen. Ab 1531 war er wieder in der Schweiz, in St. Gallen und Bad Pfäfers, danach in Ulm und Augsburg, wo 1536 mit der Großen Wundarznei sein erstes großes medizinisches Werk herauskam. Es folgten Mährisch-Kromau, Preßburg und Wien, 1538 die Rückkehr nach Kärnten, das er sein zweites Vaterland nannte.
Das erklärt auch, warum die alte Erzählung von Salzburg als dem "Ziel seiner Träume" nicht trägt. Die Residenzstadt hatte damals weder eine medizinische Schule noch eine Universität noch eine Druckerei; ab 1524 durften Salzburger nicht einmal mehr in Wittenberg studieren. Für einen Mann, der vom Buchdruck lebte, war Salzburg kein Sehnsuchtsort. Insgesamt hinterließ er mehr als 200 Schriften, davon rund 100 theologische.
Die letzten Monate: Strobl, Platzl, Kaigasse
Am 15. April 1541 ist Paracelsus am Schober nachgewiesen, dem heutigen Strobl am Wolfgangsee. Im Sommer 1541 ist er gesichert wieder in Salzburg, im selben Bekanntenkreis wie 1524, im Umfeld der Bader und befreundeter Bürger; begleitet wurde er von einem Diener namens Klaus Frachmaier.
Wo er wohnte, ist offen. Das oft genannte Haus Platzl Nr. 3 wurde erst spät mit ihm in Verbindung gebracht; ab dem 18. Jahrhundert hing dort ein Porträt mit der Aufschrift, er sei in diesem Haus gestorben, und der Paracelsus-Forscher Karl Sudhoff ließ 1912 eine Gedenktafel anbringen. Ein Gemälde, das ihn mit Blick von diesem Haus auf die Stadtbrücke zeigt, kann allerdings frühestens nach 1600 entstanden sein - die Brücke wurde erst damals an dieser Stelle gebaut. Vieles spricht trotzdem dafür, dass er 1540 oder 1541 dort Quartier nahm.
Gesichert ist der Schluss. Am 21. September 1541 diktierte er in einer Stube im Gasthaus zum Weißen Roß in der Kaigasse seinen letzten Willen: bedacht wurden die Verwandten in Einsiedeln, die Salzburger Freunde, die Testamentsvollstrecker und der ihn behandelnde Wundarzt, der Rest ging an die Armen der Stadt. Das Original ist verloren; gedruckt wurde das Testament 1574 in Straßburg von Michael Toxites.
Drei Tage später, am 24. September 1541, starb er. Die Todesursache ist heute geklärt: Er hatte eine Entzündung mit Quecksilber behandelt und starb an einer Quecksilbervergiftung. Chemische Analysen seiner Gebeine und das erhaltene Testament haben die jahrhundertealten Spekulationen über einen Mord endgültig erledigt. Die Rekonstruktion samt Quellenlage hat der Salzburger Stadtarchivar Peter F. Kramml in der Darstellung Paracelsus und Salzburg zusammengefasst.
Vom Armengrab zum Prunkgrabmal
Beigesetzt wurde er seinem letzten Wunsch entsprechend auf dem Armenfriedhof des Bruderhauses St. Sebastian, das damals noch in der Vorstadt lag. Aus seinem Nachlass erhielt das Bruderhaus 1542 zehn Gulden; der Rechnungseintrag liegt bis heute im Stadtarchiv. Sein Freund Michael Setznagel stiftete eine Grabplatte, die seine Leistungen in der Heilkunde würdigte.
Schon um 1600 suchten Reisende das Grab auf. Es überdauerte die Neugestaltung des Friedhofs, und 1752 ließ Erzbischof Andreas Jakob Graf Dietrichstein durch seinen Hofarchitekten Franz Anton Danreiter ein prunkvolles Grabmal errichten - Salzburgs erstes Denkmal für eine weltliche Persönlichkeit. In einer Hohlkammer des Denkmals liegen die Gebeine, aufbewahrt wie Reliquien. Bei der Cholera-Epidemie von 1831 zog man in Wallfahrten dorthin.
Das Grabmal steht im Aufgang zwischen der Kirche und dem Friedhof. Die Kirche St. Sebastian geht auf einen gotischen Bau zurück, den Erzbischof Leonhard von Keutschach zwischen 1505 und 1512 neben einem Spital errichten ließ; barockisiert wurde sie 1749 bis 1753 und 1754 geweiht. Der Friedhof selbst entstand 1595 bis 1600 nach dem Vorbild des Campo Santo in Pisa. Kirche, Friedhof und das Wolf-Dietrich-Mausoleum gehören der Stadt Salzburg, die sie baulich erhält; die Angaben führt die Stadt in ihrem Eintrag zur St. Sebastianskirche.
Geöffnet ist der Friedhof von April bis Oktober 9 bis 18 Uhr und von November bis März 9 bis 16 Uhr. Seit 2014 sind dort nur noch Urnenbeisetzungen möglich; die Öffnungszeiten und die Bestattungsregeln führt die Friedhofsverwaltung der Stadt Salzburg. In derselben Anlage liegen auch Leopold Mozart und Constanze - die Zusammenhänge stehen im Beitrag zu Mozart und Salzburg.
Was seinen Namen trägt, und warum das wenig über ihn sagt
Wer in Salzburg nach Paracelsus sucht, findet zuerst Einrichtungen, die nach ihm benannt sind. Das Paracelsus Bad und Kurhaus am Kurgarten trägt seinen Namen, ebenso die Paracelsus Medizinische Privatuniversität, die 2002 in Salzburg gegründet wurde und seit 2014 einen zweiten Standort am Klinikum Nürnberg betreibt; heute studieren dort nach eigenen Angaben über 2.000 Menschen. Wie sie sich zu den anderen Salzburger Hochschulen verhält, steht im Beitrag zu den Salzburger Hochschulen und auf der Seite der PMU selbst. Vor dem Universitätsgebäude steht seit Dezember 2015 eine Bronzestatue von Josef Zenzmaier. Vermarktet wird der Name seit dem 19. Jahrhundert ohnehin - seit 1893 gibt es ein Paracelsus-Bier.
Eine dieser Namensspuren ist erklärungsbedürftig. Im Kurgarten gegenüber dem Paracelsus Bad steht eine Statue aus Untersberger Marmor, die der Bildhauer Josef Thorak um 1943 schuf. Sie war Teil einer Brunnenanlage, die zum 450. Geburtstag im Festspielbezirk entstehen sollte und kriegsbedingt unvollendet blieb; seit einer Thorak-Ausstellung 1950 steht sie am heutigen Platz. Thorak war einer der meistbeschäftigten und höchstbezahlten Bildhauer des NS-Regimes, und das Regime hatte Paracelsus als Begründer einer "neuen deutschen Heilkunde" für seine Propaganda vereinnahmt - rund um das Jubiläumsjahr 1941 erschien dazu eine Flut von Publikationen, deren Wirkung noch lange anhielt. Seit 2018 steht neben der Figur eine Stele, die diesen Hintergrund erklärt; die Stadt dokumentiert den Fall in ihrem Verzeichnis der NS-Kunstwerke im öffentlichen Raum.
Die seriöseste Namensspur ist die stillste. Der Paracelsusring ist die höchste wissenschaftliche Ehrung, die die Stadt Salzburg vergibt: ein goldener Ring mit einem Porträtmedaillon und einer eingravierten persönlichen Widmung, verliehen für herausragende wissenschaftliche Leistungen mit Bezug zur Stadt. Es darf zu jedem Zeitpunkt höchstens 15 lebende Trägerinnen und Träger geben; über die Vergabe entscheidet ein Kuratorium unter Vorsitz des Bürgermeisters oder der Bürgermeisterin, dem außerdem die Rektorin oder der Rektor der Universität Salzburg, die Präsidentschaft des Salzburger Kunstvereins und je ein Fraktionsvertreter des Stadtsenats angehören. Die Kriterien und die weiteren städtischen Auszeichnungen führt die Stadt Salzburg.
Zur Paracelsus-Forschung selbst gibt es in der Stadt weiterhin einen Ort: Die Bibliothek des Salzburg Museum hält einen Sammelschwerpunkt dazu, zugänglich an drei Vormittagen pro Woche - die Zeiten stehen bei den Bibliotheken in Salzburg.
Stand August 2026. Biografische Angaben, Datierungen und die Einordnung der Legenden nach der Chronik der Stadt Salzburg und der Darstellung "Paracelsus und Salzburg" von Peter F. Kramml, Stadtarchiv Salzburg; Angaben zu Kirche, Friedhof, Thorak-Statue und Paracelsusring ebenfalls nach der Stadt Salzburg. Öffnungszeiten des Friedhofs können sich ändern.