SALZBURG JOURNAL

Herbert von Karajan und Salzburg

337 Mal stand er bei den Salzburger Festspielen am Pult, gründete 1967 die Osterfestspiele und starb 1989 in Anif. Seine NSDAP-Mitgliedschaft ab April 1933 spielte bei der Benennung des Platzes vor dem Festspielhaus 1991 praktisch keine Rolle.

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Herbert von Karajan und Salzburg

Schwarzstraße 1, Sohn eines Chirurgen

Heribert Adolf Ernst von Karajan wurde am 5. April 1908 in Salzburg geboren, als zweiter Sohn des Chirurgen Ernst von Karajan - Primar am St. Johanns-Spital und Landessanitätsdirektor, 32 Jahre im Spital tätig - und seiner Frau Martha, geborene Kosmac. Die Familie des Vaters stammte aus einer griechisch-makedonischen Linie, die der Mutter aus der Slowakei. Das Elternhaus stand in der Schwarzstraße 1, heute Nummer 9.

Die Ausbildung begann früh und lokal. 1912 bekam er ersten Klavierunterricht bei Franz Ledwinka, ab 1916 studierte er am Mozarteum: Klavier bei Ledwinka, Harmonielehre bei Franz Sauer, Komposition und Kammermusik bei Bernhard Paumgartner, der später die Konzertsparte der Festspiele aufbauen sollte. Nach der Matura am humanistischen Gymnasium im März 1926 ging Karajan nach Wien und belegte an der Akademie für Musik und darstellende Kunst Klavier bei Josef Hofmann und Dirigieren bei Alexander Wunderer; die unterrichtsfreie Zeit verbrachte er in Salzburg.

22. Jänner 1929: das erste Dirigat

Seinen ersten öffentlichen Auftritt als Dirigent hatte Karajan am 22. Jänner 1929 im Großen Saal des Mozarteums, bei einem außerordentlichen Symphoniekonzert des Mozarteumorchesters - das sein Vater eigens für diesen Anlass engagiert hatte. Die Salzburger Zeitungen reagierten begeistert; das Salzburger Volksblatt nannte den Abend "eine kleine überraschende Sensation". Im Publikum saß der künstlerische Leiter des Stadttheaters Ulm, der ihn zum Vordirigieren einlud. Zur Saison 1929/30 wurde Karajan dort Erster Opernkapellmeister.

Salzburg blieb zunächst Nebenschauplatz: Ab 1930 unterrichtete er in den Sommermonaten an der Orchesterakademie der Stiftung Mozarteum. Im Sommer 1933 gab er sein offizielles Debüt bei den Salzburger Festspielen, mit der Bühnenmusik, die Bernhard Paumgartner für Max Reinhardts "Faust"-Inszenierung geschrieben hatte. Am 21. August 1934 begegnete er bei einer privaten Soiree in Salzburg erstmals den Wiener Philharmonikern.

Das Verhältnis zur Heimatstadt hat er selbst so beschrieben: "Alles, was mir vorschwebt, wird in Salzburg in idealer Weise möglich. Ich fühle mich dem Haus wie keinem anderen verbunden; hier bin ich geboren, und hier möchte ich arbeiten." Das Zitat steht in der Biografie, die die Abteilung für Musikwissenschaft der Universität Mozarteum in ihrer Reihe zu Persönlichkeiten der Salzburger Musikgeschichte veröffentlicht hat.

Der Beitritt vom 8. April 1933

Sozialisiert wurde Karajan in einem Milieu mit vielen Berührungspunkten zum frühen Nationalsozialismus. 1925 war er Konkneipant bei der schlagenden alldeutschen Gymnasialverbindung Rugia in Salzburg - Mensuren focht er nach Einschätzung der Stadt Salzburg nicht aus, um seine Hände nicht zu gefährden. In den Studienbüchern der Universität Wien trug er sich 1927 und 1928 als "(Deutsch)Arier" beziehungsweise "Arisch" ein, was nach der Einordnung der Stadt nur rechte deutschnationale und offensiv antisemitische Studenten taten.

Am 8. April 1933 - also noch vor dem österreichischen Parteiverbot - trat Karajan in Salzburg bei der Ortsgruppe Neustadt der NSDAP bei und erhielt die Mitgliedsnummer 1.607.525. Angeworben wurde er nach der Schilderung des Ortsgruppenleiters von 1939 durch einen Parteigenossen; der Anmeldeschein wurde bei der Werbestelle in der Schwarzstraße 1 abgegeben - der Wohnanschrift der Familie Karajan.

Kurz darauf verließ er Österreich Richtung Ulm und erhielt dort ohne zwischenzeitlichen Austritt eine zweite Mitgliedsnummer, 3.430.914, mit dem Datum 1. Mai 1933. 1939 existierten beide Nummern nebeneinander; die ältere wurde gestrichen, weil in Salzburg außer dem Aufnahmebeitrag keine weiteren Beiträge entrichtet worden waren. An dem Beitrittsdatum ändert das nichts: Es gab keinen neuerlichen Beitritt, sondern nur eine neue Nummer.

Nach 1945 stellte Karajan die Sache anders dar. Im Fragebogen für ehemalige Nationalsozialisten gab er an, er sei "im Jahre 1935 oder 36" beigetreten, auf ausdrückliches Verlangen des Kreisleiters von Aachen, der davon seine Vertragsverlängerung abhängig gemacht habe - was schon deshalb nicht stimmen konnte, weil damals eine Aufnahmesperre galt. Dazu konstruierte er einen Parteiaustritt nach seiner Heirat mit Anita Gütermann. Am 15. Dezember 1945 bestätigte die Theater- und Musikabteilung des US-Nachrichtenkontrolldienstes die Auftrittsgenehmigung, ausdrücklich auf Basis dieser Angaben; die Kommission konnte ohne Akteneinsicht entscheiden. Im Jänner 1946 dirigierte er erstmals wieder die Wiener Philharmoniker, im Oktober 1947 wurde er endgültig zugelassen, ab 1948 auch für die Festspiele. Die Rekonstruktion mit allen Aktenbelegen führt die Stadt Salzburg im Rahmen ihres Projekts zu den Straßennamen mit NS-Bezug.

Dass er im Nationalsozialismus nicht nur Karriere machte, sondern auch für Propagandazwecke eingesetzt wurde, ist ebenfalls dokumentiert: Dirigate zu Hitlers Geburtstag 1935, Chorwerke für den Kreisparteitag der NSDAP Aachen, Auslandsauftritte in Athen 1939, Rom und Paris 1940, in der Rumänien-Tournee im Jänner 1944. Am 20. April 1939 verlieh ihm Hitler den Titel Staatskapellmeister.

Die Salzburger Bilanz in Zahlen

Im März 1956 wurde Karajan zum Künstlerischen Leiter der Salzburger Festspiele ernannt, ein Amt, das er bis 1960 ausübte; im August 1964 kam er in das Direktorium, dem er bis 1988 angehörte. Wie sehr er die Festspiele geprägt hat, lässt sich beziffern. Nach der Zusammenstellung der Abteilung für Musikwissenschaft der Universität Mozarteum stand er in 32 Jahren Wirkungszeit 337 Mal am Pult, leitete 247 Opernaufführungen und 90 Konzerte und inszenierte 14 Opern. Dieselben Zahlen führen die Salzburger Festspiele in ihrem Rückblick zum 30. Todestag, dort bezogen auf die Spanne von 1933 bis 1989.

Dazu kam ein Haus. Das Große Festspielhaus, für dessen Theatersaal Karajan Anregungen einbrachte, wurde am 26. Juli 1960 mit Richard Strauss' "Rosenkavalier" unter seiner Leitung eröffnet. Wie der Bau zustande kam und welche Häuser sonst zum Festspielbezirk gehören, steht im Beitrag zu den Veranstaltungsorten in Salzburg, die Institution selbst behandelt die Geschichte der Salzburger Festspiele; wie man heute an Festspielkarten kommt, im Beitrag zu den Salzburger Festspielen.

Sein eigenes Festival gründete er daneben. Die Osterfestspielgesellschaft wurde am 24. März 1966 ins Salzburger Firmenbuch eingetragen; am 19. März 1967 eröffnete Karajan die ersten Osterfestspiele Salzburg mit Wagners "Walküre", dazu kamen drei Orchesterkonzerte der Berliner Philharmoniker. Er positionierte die Osterfestspiele als den weltweit einzigen Ort, an dem die Berliner Philharmoniker im Orchestergraben eine szenische Opernproduktion spielten - eine Konstellation, die bis 2012 hielt. Im Juni 1973 kamen die Salzburger Pfingstkonzerte dazu.

1969 richtete die von ihm gegründete Herbert-von-Karajan-Stiftung an der Universität Salzburg ein Forschungsinstitut für experimentelle Musikpsychologie ein.

Der Dirigent, der die Reproduktion mitdachte

Ein Grund, warum Karajans Name über Salzburg hinaus so präsent blieb, liegt in der Technik. Seinen ersten Plattenvertrag schloss er bereits 1938 mit der Deutschen Grammophon; nach dem Zweiten Weltkrieg handelte er einen geteilten Exklusivvertrag mit zwei Labels aus. Ab 1965 nutzte er auch die audiovisuellen Medien und ließ zunächst von UNITEL, ab 1982 von seiner eigenen Firma Télémondial Verfilmungen der von ihm dirigierten und inszenierten Opern und Konzerte produzieren. Als Regisseur trat er ab 1962 auf.

Sein eigener Satz dazu, überliefert in derselben Mozarteum-Biografie, erklärt das Kalkül: "Was habe ich davon, wenn mir in Salzburg 6000 Menschen zuhören, die ganze Welt soll dabeisein." Das Repertoire auf den Aufnahmen reicht von Bach bis zur Zweiten Wiener Schule, der Schwerpunkt liegt auf dem klassisch-romantischen Kanon.

Ehrungen, Rückzug, Tod in Anif

Die Stadt und das Land bedankten sich früh: Am 4. März 1968 erhielt Karajan den Ehrenring des Landes Salzburg, am 4. April 1968 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Salzburg, am 14. August 1968 die Ehrensenatorwürde der Universität Salzburg. 1978 kam das Ehrendoktorat der Universität Salzburg dazu, 1985 der Ehrenring der Salzburger Festspiele.

Am 28. August 1988 dirigierte er zum letzten Mal bei den Salzburger Festspielen, das Deutsche Requiem von Brahms, und kündigte seinen Rückzug aus dem Direktorium an. Im April 1989 legte er auch die Leitung der Berliner Philharmoniker zurück, die er seit 1955 innegehabt hatte - länger als jeder andere Dirigent in der Geschichte des Orchesters. Sein letzter öffentlicher Auftritt war am 23. April 1989 mit Bruckners Siebter und den Wiener Philharmonikern.

Am 16. Juli 1989 starb Herbert von Karajan während der Probenzeit zu Verdis "Un ballo in maschera" an Herzversagen in seinem Haus in Anif, das er um 1968 hatte bauen lassen. Sein Grab liegt auf dem Anifer Friedhof. Die vollständige Chronologie führt das Eliette und Herbert von Karajan Institut in der Imbergstraße 6 in Salzburg, dessen Archiv eine Datenbank aller Dirigate, Rezensionen, Programmhefte und Aufnahmen umfasst - rund 800 Werke von etwa 200 Komponisten sind auf Ton- und Bildträgern dokumentiert.

Wie der Platz zu seinem Namen kam

Der Herbert-von-Karajan-Platz vor dem Festspielhaus heißt erst seit 1991 so, und wie es dazu kam, ist ein Lehrstück. Am 11. April 1991 beantragten sechs SPÖ-Gemeinderätinnen und -Gemeinderäte, die Hofstallgasse in Herbert-von-Karajan-Gasse umzubenennen. Die Kulturverwaltung gab zu bedenken, dass damit "der historische Bezug verlorenginge und damit ein Stück Stadtgeschichte in Vergessenheit geraten könnte", und schlug stattdessen den Siegmundsplatz vor - benannt erst 1873 nach Erzbischof Sigismund Graf Schrattenbach, dessen Name im Siegmundstor ohnehin erhalten bliebe.

Die Bürgerliste beantragte dagegen, den Salzburger Flughafen umzubenennen, nach dem Vorbild des Kennedy Airport - Karajan sei neben seiner Arbeit als Musiker ein leidenschaftlicher Pilot gewesen. Der Gegenantrag wurde am 10. Juli 1991 abgelehnt, der Amtsvorschlag mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und FPÖ gegen die vier Stimmen der Bürgerliste angenommen. Die Platztafeln wurden am 17. August 1991 in Anwesenheit der Witwe Eliette von Karajan enthüllt.

Bemerkenswert ist, worüber nicht gesprochen wurde. Die Diskussion drehte sich um Stadtplanung und darum, ob im Altstadtbereich überhaupt noch umbenannt werden solle. Karajans NS-Vergangenheit sprach nach der Rekonstruktion der Stadt lediglich eine Gemeinderätin an; ins Protokoll kam das nicht, und niemand griff es auf. Sein Leben in den 1930er und 1940er Jahren spielte im gesamten politischen Prozess der Platzbenennung praktisch keine Rolle. Erst das städtische Straßennamen-Projekt hat das Jahrzehnte später aufgearbeitet. Der Platz liegt heute im Zentrum des Festspielbezirks - die Obuslinien halten dort, nachzulesen im Beitrag zum Obus in Salzburg.

Stand August 2026. Lebensdaten, Laufbahnstationen und die Salzburger Aufführungszahlen nach der Biografie in der Reihe "Persönlichkeiten der Salzburger Musikgeschichte" der Abteilung für Musikwissenschaft der Universität Mozarteum sowie nach der Chronologie des Eliette und Herbert von Karajan Instituts; Angaben zu NSDAP-Beitritt, Entnazifizierung und Platzbenennung nach dem Straßennamen-Projekt der Stadt Salzburg.

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