SALZBURG JOURNAL

Die Salzburger Festspiele seit 1920: Gründung, Krisen, Gegenwart

Die erste Aufführung war eine Notlösung. Das Auftragswerk wurde nicht fertig, und für die Tribünen in der Felsenreitschule fehlte nach dem Krieg das Holz - also fragte Max Reinhardt beim Erzbischof an, ob er den Domplatz haben könne.

· 13 Min. Lesezeit · Von
Die Salzburger Festspiele seit 1920: Gründung, Krisen, Gegenwart

Die Idee war älter als das Festival

Der Gedanke, in Salzburg regelmäßig ein Mozartfest zu veranstalten, stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Konkret wurde er 1917, als auf Initiative von Friedrich Gehmacher und Heinrich Damisch in Wien der Verein Salzburger Festspielhaus-Gemeinde gegründet wurde - mit dem einzigen Zweck, Geld für den Bau eines Festspielhauses aufzutreiben. Dieser Verein bekam später die Durchführung der Festspiele übertragen und verstrickte sich damit in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten.

Wie weit die Vorgeschichte zurückreicht, hat eine 2020 vorgelegte Quellenedition gezeigt: Sie setzt im Dezember 1913 an und reicht bis zur Jedermann-Premiere. Ihr Kern ist die Korrespondenz zwischen Gehmacher und Damisch; das Land Salzburg hat die 659 Seiten starke Publikation gemeinsam mit den Festspielen und der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek präsentiert.

22. August 1920: eine Notlösung auf dem Domplatz

Am 22. August 1920 wurden die ersten Salzburger Festspiele mit Hugo von Hofmannsthals Jedermann in der Regie von Max Reinhardt eröffnet. Der Gründerkreis bestand aus Reinhardt, dem Dichter Hofmannsthal, dem Komponisten Richard Strauss, dem Dirigenten Franz Schalk und dem Bühnenbildner Alfred Roller.

Was heute als Gründungsakt gefeiert wird, war ein Behelf. Das eigentlich für die Premiere vorgesehene Auftragswerk wurde nicht fertig, und für die Tribünen in der Felsenreitschule ließ sich in der Nachkriegsknappheit nicht genug Holz auftreiben. Also fragte Reinhardt bei Erzbischof Ignatius Rieder an, ob er das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes" vor dem Dom geben dürfe. Dass daraus die bekannteste Freiluftbühne Österreichs wurde, war 1920 nicht abzusehen.

Wie aus einem Theaterstück ein Festival wurde

Der Ausbau ging schnell, und die Reihenfolge ist bezeichnend: erst Schauspiel, dann Konzert, dann Oper.

  • 1921: erstmals Konzerte.
  • 1922: die Opernsparte kommt dazu, mit Mozart-Werken, den Wiener Philharmonikern und dem Ensemble der Wiener Staatsoper. Im selben Jahr wird Hofmannsthals Das Salzburger große Welttheater in der Kollegienkirche uraufgeführt.
  • 1924: Die Festspiele müssen abgesagt werden.
  • Ab Mitte der 1920er bilden die Opern von Richard Strauss die zweite Säule: 1926 Ariadne auf Naxos, 1929 der erste Rosenkavalier.

Von 1925 bis 1927 wurde der ehemalige fürsterzbischöfliche Reitschulkomplex zum Festspielhaus umgebaut. Das schuf erstmals professionelle Produktionsbedingungen - und trieb die Festspielhaus-Gemeinde beinahe in den Konkurs. Dass dieser Bau ursprünglich ein Hofmarstall war, errichtet 1607 bis 1609 unter Wolf Dietrich von Raitenau, ist eine der schöneren Kontinuitäten der Stadt.

Die 1930er: Glanz, dann Ausschluss

In den 1930er Jahren wurde Salzburg zum Sammelpunkt der europäischen Künstlerschaft - Bruno Walter und Clemens Krauss am Pult, Reinhardt in der Regie, Lotte Lehmann und Richard Tauber auf der Bühne, ab 1934 Arturo Toscanini als größter Publikumsmagnet. Stefan Zweig nannte Salzburg 1937 einen letzten Ort europäischer Kulturwallfahrt.

Gleichzeitig wurde die Lage politisch. Die Weltwirtschaftskrise traf das Festival, und Hitlers Tausend-Mark-Sperre von 1933 hielt einen großen Teil der deutschen Gäste fern; Besucher aus anderen europäischen Ländern und aus den USA glichen das teilweise aus.

Mit dem „Anschluss" im März 1938 endete das. Max Reinhardt, Bruno Walter und Arturo Toscanini durften oder wollten nicht mehr auftreten. Die Werke Hofmannsthals wurden aus dem Programm genommen, der Jedermann verschwand. Karl Böhm dirigierte 1938 den Don Giovanni. An die Stelle des internationalen Publikums traten über die Organisation „Kraft durch Freude" Tausende Deutsche; Hitler besuchte die Festspiele 1939. Die eigene Darstellung der Festspiele zu diesem Jahrzehnt benennt das ohne Beschönigung.

Der Krieg

Ab 1940 blieb ein Rumpfbetrieb. Die Chronik der 1940er Jahre hält die Etappen fest:

  • 1940: nur noch ein Konzertzyklus der Wiener Philharmoniker über 14 Tage im Juli.
  • 1. April 1942: Die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde wird aufgelöst, Clemens Krauss erhält die Generalintendanz. Das Publikum besteht überwiegend aus beurlaubten oder verwundeten Soldaten und aus Fabrikarbeitern.
  • 1943: Das Propagandaministerium verbietet den Namen „Festspiele". Die Veranstaltung heißt fortan „Salzburger Theater- und Musiksommer".
  • 1944: Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli und dem Erlass zum totalen Kriegseinsatz werden die geplanten Aufführungen abgesagt. Es bleiben ein Orchesterkonzert und die Generalprobe von Richard Strauss' Die Liebe der Danae.

1945: drei Monate nach Kriegsende

Amerikanische Truppen übernahmen am 4. Mai 1945 das Kommando in der Stadt. Noch im selben Sommer fanden wieder Festspiele statt - ein bewusstes Zeichen der Besatzungsmacht. Was das für Salzburg insgesamt bedeutete, steht im Beitrag über Salzburg nach 1945.

1946 kehrte der Jedermann zurück, und Oscar Fritz Schuh wurde erstmals als Regisseur engagiert. 1948 dirigierte Herbert von Karajan hier erstmals eine Opernproduktion, Glucks Orpheus und Eurydike - der Beginn einer Verbindung, die das Festival vier Jahrzehnte lang prägen sollte. Seine Biografie steht im eigenen Beitrag.

Die 1950er: ein Fonds und ein Skandal

Nach dem Krieg brauchte das Festival zwei Dinge: Geld und Positionierung. Das Geld kam am 12. Juli 1950, als der Nationalrat die Gründung eines Salzburger Festspielfonds beschloss, getragen von Bund, Land, Stadt und Tourismusförderung. Damit stand erstmals eine stabile rechtliche Grundlage.

Die Positionierung war schwieriger, denn gleichzeitig entstanden Konkurrenzfestivals in Aix-en-Provence, Glyndebourne und Edinburgh. Salzburg antwortete mit einer Doppelstrategie: zeitgenössische Werke neben den Klassikern. 1951 markierte die Aufführung von Alban Bergs Wozzeck unter Karl Böhm die Ankunft der modernen Musik in Salzburg.

Im selben Jahr endete ein Experiment im Eklat. Gottfried von Einem hatte Bertolt Brecht engagiert, um ein neues Stück als Ersatz für den Jedermann zu schreiben. Brecht war eben aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt und hatte Kontakte in die DDR - mitten im Kalten Krieg ein politischer Skandal. Brecht verzichtete auf sein Amt, und von Einem wurde Ende Oktober 1951 aus dem Direktorium ausgeschlossen.

Nach dem Tod Wilhelm Furtwänglers konkurrierten Karl Böhm und Herbert von Karajan um die Nachfolge. 1956 wurde Karajans Berufung zum künstlerischen Leiter ab 1957 bekannt gegeben; sein Debüt 1957 bestand aus Beethovens Fidelio und Verdis Falstaff, dazu brachte er die Berliner Philharmoniker für fünf Konzerte mit. Im selben Jahr 1956 begann auf dem Areal der ehemaligen Hofstallungen der Bau eines zusätzlichen Festspielhauses nach Plänen von Clemens Holzmeister.

Das Große Festspielhaus

Der bauliche Kraftakt der Nachkriegszeit dauerte von Herbst 1956 bis Frühsommer 1960. Federführender Architekt war Clemens Holzmeister, an der Konzeption wirkten der Regisseur Herbert Graf und Karajan mit. Das Haus wurde zwischen die historische Fassade des Hofmarstalls und den Mönchsberg eingefügt; dafür mussten 55.000 Kubikmeter Fels gesprengt werden.

Eröffnet wurde am 26. Juli 1960 mit einer Neuinszenierung des Rosenkavalier unter Karajans musikalischer Leitung. Der Saal fasst rund 2.200 Plätze, die Bühne hat eine Portalbreite von 30 Metern und eine Gesamtbreite von 100 Metern - damals weltweit unübertroffen.

Der Umbau des Bezirks lief weiter: 1961 entstand der Verein der Freunde der Salzburger Festspiele, 1963 wurde das alte Festspielhaus als Kleines Festspielhaus wiedereröffnet, und 1969/70 erhielt die Felsenreitschule Unterbühne, Orchestergraben und Rolldach. Karajan inszenierte im neuen Haus unter anderem Il trovatore (1962), Elektra (1964), Boris Godunow (1965), Carmen (1966) und Don Giovanni (1968); die Chronik der 1960er führt die Reihe. 1967 gründete er zusätzlich die Osterfestspiele, zu denen es einen eigenen Beitrag gibt.

Nach Karajan: „Das neue Salzburg"

Am 1. September 1991 übernahm der Belgier Gerard Mortier die künstlerische Leitung. Er rief „Das neue Salzburg" aus und öffnete das Programm für ein breiteres, modernisiertes Repertoire und für Regiehandschriften, die in Salzburg bis dahin nicht vorgekommen waren: Herbert Wernicke, Karl-Ernst Herrmann, Peter Mussbach, Hans Neuenfels, Luc Bondy, Peter Sellars, Robert Wilson, Christoph Marthaler.

Zwei Produktionen von 1992 stehen für diesen Kurs: Janáčeks Aus einem Totenhaus in der Regie von Klaus Michael Grüber unter Claudio Abbado und Messiaens Saint François d'Assise unter Esa-Pekka Salonen in der Regie von Peter Sellars. Mortier legte sich dabei mit den Wiener Philharmonikern und mit der konservativen Kritik an und machte das Festival, wie es die Chronik der 1990er formuliert, zu einem Ort des Umbruchs und der Konfrontation.

Parallel änderte sich die Finanzierung: Ab 1990 kamen erstmals Unternehmenssponsoren dazu. 1995 wurde Helga Rabl-Stadler Präsidentin - ein Amt, das sie bis 2020 ausübte.

Vier Intendanten in zwanzig Jahren

Mortier ging 2001 mit einer umstrittenen Fledermaus von Hans Neuenfels. Ihm folgte am 1. Oktober 2001 Peter Ruzicka, der die Festspiele als „europäisches Gedächtnis" verstanden wissen wollte. In seine Zeit fällt der zweite große Umbau: Der Umbau des Kleinen Festspielhauses zum Haus für Mozart wurde 2001 begonnen und 2006 eröffnet - rechtzeitig zum Mozartjahr, in dem unter dem Titel Mozart 22 sämtliche 22 Opern des Komponisten gespielt wurden.

Im Herbst 2006 übernahm Jürgen Flimm, 2010 leitete Markus Hinterhäuser das Festival interimistisch. Alexander Pereira trat im Herbst 2011 an, kündigte aber bereits im Juni 2013 wieder, weil er an die Mailänder Scala wechselte; Budgetstreit mit dem Kuratorium und, wie es die Chronik der 2010er nennt, personelle Querelen prägten diese Jahre. Seit Herbst 2016 ist Hinterhäuser fix Intendant, mit Bettina Hering für das Schauspiel und Florian Wiegand für das Konzertprogramm. 2012 übernahm Cecilia Bartoli die künstlerische Leitung der Pfingstfestspiele.

Das Jubiläum, das so nicht stattfand

Für den Sommer 2020 war das hundertjährige Bestehen geplant. Die Pandemie zwang zu einer verkürzten und geänderten Fassung des Jubiläumsprogramms - die Festspiele fanden statt, was in diesem Sommer weltweit die Ausnahme war. Projekte, die 2020 nicht möglich waren, wurden 2021 nachgeholt; die Jubiläumssaison lief damit faktisch bis in den Herbst 2021.

Im Jänner 2022 übernahm Kristina Hammer die Präsidentschaft, nachdem der Aufsichtsrat sie im November 2021 einstimmig bestellt hatte.

Festspielbezirk 2030

Der nächste Umbau läuft bereits. Unter dem Titel Festspielbezirk 2030 werden die Spielstätten - Großes Festspielhaus, Haus für Mozart und Felsenreitschule - saniert und erweitert. Für die dafür nötige Kavernenherstellung im Mönchsberg wird das Neutor ab Mitte September 2026 voraussichtlich bis Ende März 2027 gesperrt, danach bis August 2030 nur einstreifig befahrbar sein; die Einzelheiten stehen im Beitrag zur Stadtbefestigung, zu der das Neutor gehört.

Damit schließt sich ein Kreis, der 1920 mit fehlendem Holz begann: Der Festspielbezirk ist seit hundert Jahren eine Baustelle, die zwischen dem Mönchsberg und den Resten der fürsterzbischöflichen Wirtschaftsgebäude Platz sucht. Wie Sie an Karten kommen und was die 2026er Saison kostet, steht im Beitrag zu den Festspielkarten.

Stand August 2026. Gründung, Spielstätten, NS-Zeit, Nachkriegszeit und Intendanzen nach den Geschichtsseiten der Salzburger Festspiele; Vorgeschichte und Quellenedition nach dem Land Salzburg; Neutorsperre nach Angaben der Stadt Salzburg.

Mehr aus Geschichte