SALZBURG JOURNAL

Die Stadtbefestigung Salzburgs: Mauern, Tore, Bastionen

Dreizehn Tore und Türme sicherten die Altstadt, die meisten sind verschwunden. Was übrig ist, steht in der Denkmalliste des Bundesdenkmalamts - vom Klausentor am Ursulinenplatz bis zum Kumpfmüllertor in der Pfeifergasse.

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Die Stadtbefestigung Salzburgs: Mauern, Tore, Bastionen

Vier Ausbaustufen in siebenhundert Jahren

Der Historische Atlas der Stadt Salzburg legt die Befestigungsgeschichte in vier Schichten übereinander, jede auf demselben Grundplan - einem 69 mal 125 Zentimeter großen „Plan der Stadt und Festung Salzburg" vom Anfang des 19. Jahrhunderts im Maßstab 1:3456, einer kolorierten Lithographie mit handschriftlichen Eintragungen und damit einem frühen Beispiel militärischer Nutzung dieser damals jungen Drucktechnik.

Die vier Stufen, die sich daraus ablesen lassen:

  • Erste Stadtmauer, 11. bis 13. Jahrhundert. Auf den Stadtbergen ist ihr Verlauf ungewiss.
  • Erweiterung der befestigten Bereiche im 14. und 15. Jahrhundert.
  • Zweite Stadtmauer, 1465 bis 1480 - im Verlauf teilweise identisch mit den älteren Mauern, gleichzeitig mit einer Stadterweiterung.
  • Befestigungsanlagen unter Paris Lodron, 1620 bis 1640.

Wie diese Mauer aussah, ist über die Stadtansicht von 1565 rekonstruiert: Ursprünglich war sie nur von gemauerten Zinnen bekrönt, später kam ein überdachter Wehrgang samt Wächterhäuschen dazu.

Dreizehn Namen, die niemand mehr kennt

Der Atlas führt zu diesen Plänen eine Liste zusätzlicher Tor- und Turmbezeichnungen. Sie liest sich wie ein Verzeichnis verschwundener Orte, und genau das ist sie:

Schleifertor (auch Westertor), Niederlegturm, Brückentor, Kumpfmühltor, Inneres Nonntaltor, Sauterbogen (St.-Andrä-Bogen), Inneres Ostertor, Äußeres Ostertor - später Linzer Tor -, Hexenturm, Bergstraßtor, Münzturm, Radturm und Äußeres Nonntaltor.

Ein Stadttor war nie nur ein Durchlass. Es war Zollstelle, Wachlokal, Sperrstunde und Gefängnis in einem - und der Grund, warum Straßennamen wie Schanzlgasse oder Bergstraße heute noch dort liegen, wo sie liegen.

Paris Lodron macht aus der Stadt eine Festung

Der Ausbau, der das Stadtbild am nachhaltigsten prägte, fällt in den Dreißigjährigen Krieg. Paris Lodron ließ zwischen 1620 und 1646 die Anlagen auf beiden Seiten der Salzach modernisieren - mit dem erklärten Ziel, das Land aus dem Krieg herauszuhalten, und mit Erfolg. Was diese Politik insgesamt ausmachte, steht im Beitrag über die Fürsterzbischöfe.

Auf dem Mönchsberg entstanden über dem St.-Peter-Bezirk starke Geschützbasteien. Eine ihrer Nebenwirkungen ist bis heute begehbar: Der ursprüngliche Fahrweg auf den Berg wurde aufgelassen, der Aufstieg war danach nur mehr über die gedeckte Stiege der St.-Peter-Wacht möglich. Beim Ausbau des Kleinen Festspielhauses wurde daraus die Festspielhausstiege, die heute nach ihrem Erbauer Clemens-Holzmeister-Stiege heißt. Wer sie hinaufgeht, benutzt einen Militärweg aus dem 17. Jahrhundert.

1635 schloss Lodron den alten Fahrweg vom äußeren Nonntal über die Scharte mit einer breiten Wehrmauer. Damit war dieser Zugang von der Brunnhausgasse aus fast 230 Jahre lang unterbrochen. Über dem Klausentor ließ er im selben Zeitraum den Klausenkavalier - heute Humboldtterrasse - als erhöhte Geschützplattform aus dem Mönchsbergfels herausschlagen. Die Stadt beschreibt diese Anlagen in ihrer Übersicht der alten Wehranlagen am Mönchsberg.

Am rechten Ufer entstand zeitgleich die große Sicherung des Kapuzinerbergs - ein eigenes Kapitel, das im Beitrag zum Kapuzinerberg steht, ebenso wie die Festung selbst im Beitrag zur Festung Hohensalzburg.

Wann die Tore fielen

Der Abbau ging schneller als der Aufbau. Die entscheidenden Daten stehen in der Chronik des Stadtarchivs und in den Beschreibungen der Stadtberge:

  • 1611/12 baut die Stadt das Klausentor, 1628 das Linzer Tor - beide auf eigene Kosten.
  • 1859: Aufhebung des Festungscharakters der Stadt.
  • 1860: Aufhebung des fortifikatorischen Bauverbots. Erst damit darf im Umfeld der Anlagen überhaupt gebaut werden.
  • 1863: Bürgermeister Heinrich Ritter von Mertens lässt einen Durchbruch durch die Schanzanlage im Süden herstellen - das heutige Bürgermeisterloch, früher fälschlich auch Schartentor genannt.
  • 1866: Kaiser Franz Josef schenkt der Stadt die Befestigungsanlagen. Damit wechselt die Zuständigkeit vom Militär zur Kommune.
  • 1892: Bürgermeister Franz von Hueber lässt nördlich des Sigmundstores eine Treppe quer durch die Lodronsche Befestigungsmauer zur Bürgerwehr anlegen - ein Zugang für Spaziergänger, gebaut durch eine Verteidigungsanlage.
  • 1894: Demolierung des Linzer Tores.

In diesen 35 Jahren kippt die Funktion vollständig: Aus einem Verteidigungswerk wird ein Naherholungsraum mit Aussichtsterrassen, benannt nach Kaisern, Geografen und Mäzeninnen.

Das Neutor: ältester Straßentunnel Österreichs

Das größte aller Stadttore ist zugleich das jüngste und das einzige, das durch einen Berg führt. Unter Fürsterzbischof Sigismund Graf Schrattenbach wurde das Sigmundstor, im Volksmund Neutor, 1764 bis 1766 als Verbindung der Altstadt mit dem Grünraum von Riedenburg durch den Mönchsberg getrieben - ein Stadterweiterungsprojekt in Form eines Tunnels.

Die Leitung hatte Ingenieur-Major Elias von Geyer. Die künstlerische Gestaltung übernahmen bis Ende 1768 die Brüder Wolfgang und Johann Baptist Hagenauer: Wolfgang entwarf die Portalarchitektur an beiden Tunnelenden, Johann Baptist schuf die figuralen Reliefs und Skulpturen aus Untersberger Marmor. Wie die Felsenreitschule und die Katakomben von St. Peter ist das Bauwerk direkt aus dem Fels herausgearbeitet.

Heute ist das Sigmundstor der älteste Straßentunnel Österreichs, und er ist alles andere als ein Denkmal im Ruhezustand: Im Durchschnitt passieren 14.000 Fahrzeuge pro Tag den Tunnel. Die Portale wurden zuletzt bis Ende Juni 2010 restauriert, mit einem Investitionsvolumen von 618.000 Euro und einem Zuschuss des Bundesdenkmalamts; gereinigt, verankert, Marmor konserviert und ergänzt. Die Stadt hat den Abschluss dokumentiert.

Ein Hinweis für die kommenden Jahre, Stand August 2026: Für die Kavernenherstellung im Mönchsberg im Rahmen des Projekts „Festspielbezirk 2030" wird das Neutor ab Mitte September 2026 voraussichtlich bis Ende März 2027 vollständig gesperrt, danach bis August 2030 nur einstreifig befahrbar. Der Fußgängertunnel bleibt offen, der Radverkehr wird als Schiebestrecke geführt.

Was heute noch steht

Wer wissen will, was von der Befestigung übrig ist, findet die verlässlichste Antwort nicht in einem Stadtführer, sondern in der Denkmalliste des Bundesdenkmalamts. Sie führt jedes geschützte Objekt mit Adresse - und damit auch jedes erhaltene Stück Stadtmauer:

ObjektAdresse
Stadttor, KlausentorUrsulinenplatz 10
Stadttor, Inneres SteintorSteingasse 23
Stadttor, Gstättentor, SchleiferbogenBürgerspitalplatz 4
Neutor/Sigmundstor mit Tunnel, Obelisken und SchüttkastenHerbert-von-Karajan-Platz 10
Bürgerhaus mit Innerem LederertorLederergasse 2
Kumpfmüllerstöckl und KumpfmüllertorPfeifergasse 13
Ehemaliges Nonntaler TorSchanzlgasse 14
Stadtmauer, Torbogenbei Badergässchen 1
Mauern, Teilstück der 2. StadtmauerGriesgasse 19A
Imhofstöckl, Zeugwertstöckl und StadtmauerMozartplatz 6
Kanonikalhöfe und Domherrenhäuser mit WehrmauerMozartplatz 8
StadtmauerParis-Lodron-Straße 2A
Stadtbefestigung und archäologisches FundhoffnungsgebietSt.-Peter-Bezirk 1
Abtsturm, St.-Peter- oder LambergturmMönchsberg 9
Konstantinturm, heute Kupelwieser-SchlösslMönchsberg 17
Barbaraturm, ehemaliger PulverturmMönchsberg 17D
Befestigungsanlage, FelixpforteKapuzinerberg 4
Franziskischlössl und BefestigungsanlagenKapuzinerberg 9

Zwei Dinge fallen an dieser Liste auf. Erstens: Von den dreizehn im Atlas genannten Toren steht keines mehr an seinem alten Platz in der Mauerlinie - die erhaltenen Tore sind entweder jünger, wie das Neutor, oder sie haben überlebt, weil jemand darin gewohnt hat. Das Kumpfmüllertor hängt an einem Stöckl, das Innere Lederertor an einem Bürgerhaus. Zweitens: Die Stadtmauer ist heute vor allem Rückwand. Sie steckt in Hinterhöfen, in Grundstücksgrenzen und in Hausmauern am Mozartplatz.

Türme, die zu Villen wurden

Die Denkmalliste nennt am Mönchsberg drei Türme, und hinter jedem steht eine Umnutzungsgeschichte, die erklärt, warum sie überhaupt noch stehen: Sie wurden Wohnhäuser.

Der Rote Turm (Mönchsberg 15) geht auf die Romanik zurück und war zum Schutz der Scharte beziehungsweise des dort einst bestehenden Stadttores errichtet worden - ein hoher Turm mit Pyramidendach und einem allseitig auskragenden Wehrgang. Mit Paris Lodrons neuen Anlagen verlor er seine militärische Bedeutung, blieb aber mit kleinen Anbauten als „Meierei am rothen Thurm" bis um 1860 erhalten; das Stift St. Peter verpachtete ihn gegen einen geringen Pachtschilling. 1821 verkaufte das Kloster den Turm, die Eigentümer wechselten rasch, bis ihn 1862 Carl von Frey historisierend neu ausgestaltete.

Der Falkenturm, 1364 erstmals erwähnt, kam bald an das Domkapitel und heißt deshalb 1389 Domherrenturm und 1417 Domprobsteiturm. Nach 1600 verpachtete ihn das Domkapitel an Konstantin Graf Liechtenstein - daher Konstantinturm. 1642 ging er an die Hochfürstliche Landschaft, 1831 stürzte der baufällig gewordene Turm in sich zusammen. 1863 errichteten neue Eigentümer auf den Resten einen Turm samt Aussichtswarte und ein angebautes Schlösschen im historisierenden Stil; heute ist das Kupelwieser-Schlössl, das die Denkmalliste unter dem alten Namen führt.

Dazu kommen der Barbaraturm, ein ehemaliger Pulverturm, und der Abtsturm, auch St.-Peter- oder Lambergturm genannt. Und noch ein Detail zeigt, wie militärisch dieser Berg einmal war: Im Garten der heutigen Grasmayr-Villa stand während des Dreißigjährigen Krieges eine gemauerte Pulverstampf zur Herstellung von Schießpulver.

Der Bergsturz von 1669

Eine Verteidigungsanlage nützt wenig, wenn der Berg selbst nachgibt. In der Nacht auf den 16. Juli 1669 brachen südlich des Klausentores große Felsmassen vom Mönchsberg ab. Zerstört wurden zwei Kirchen und etwa ein Dutzend Häuser; die Beschreibung der Stadtberge nennt rund 230 Tote, die Chronik des Stadtarchivs für das Gstättenviertel 220. Ursache sind die geologischen Verhältnisse: Der Mönchsberg besteht vorrangig aus Konglomerat, das auf weicher Grundmoräne und auf Mergel der Gosauzeit aufliegt, wodurch randliche Klüfte entstanden.

Aus dieser Katastrophe entstand ein eigener Berufsstand, den es bis heute gibt und der im Beitrag zu den alten Salzburger Berufen beschrieben ist.

Wer die Mauern erhält, und was das kostet

Die Wehrbauten auf den Stadtbergen stehen unter Denkmalschutz und gehören zum Welterbe, das die Stadt 1996 erhielt. Die Erhaltung ist ein laufender Betrieb mit siebenstelligen Beträgen.

2020 und 2021 wurden zwei Abschnitte instandgesetzt. Die „Katze", die Verteidigungsanlage bei der Mittelstation der Festungsbahn, kostete 1,5 Millionen Euro; der Bund steuerte 1,055 Millionen bei, davon 255.000 Euro vom Kulturstaatssekretariat und 800.000 Euro aus dem Kommunalinvestitionsgesetz 2020. Lockere und fehlende Mauersteine mussten ergänzt, Verfugungen erneuert und der Mauerkörper mit Mikropfählen und Stahlträgern statisch verstärkt werden. Die Bürgerwehr folgte ab Ende April 2021 in sechs Abschnitten inklusive des Ostturms und kostete 1,4 Millionen Euro.

Die Stadt beziffert den Gesamtbedarf für alle Wehrmauersanierungen auf den Stadtbergen in den kommenden Jahren mit rund 8 Millionen Euro. Das ist die eigentliche Pointe dieser Befestigung: Sie hat nie einer Belagerung standhalten müssen, aber sie kostet bis heute Geld.

Wer die Reste zu Fuß abgehen will, kommt am schnellsten über den Mönchsberg-Aufzug auf die Höhe und dann am Bürgerwehrsöller vorbei nach Süden. Der Nordostturm der Bürgerwehr ist der Aussichtspunkt, von dem aus sich die Getreidegasse von oben überblicken lässt.

Stand August 2026. Ausbaustufen, Torbezeichnungen und Mauerkrone nach dem Historischen Atlas der Stadt Salzburg; Wehranlagen am Mönchsberg, Bürgermeisterloch und Sigmundstor nach der Stadt Salzburg; Jahreszahlen zu Bau und Abbruch nach der Chronik des Archivs der Stadt Salzburg; erhaltene Objekte nach der Denkmalliste des Bundesdenkmalamts für Salzburg, Stand 23. Juni 2026 (rechtlich nicht verbindlich); Sanierungskosten und Neutorsperre nach Aussendungen der Stadt Salzburg.

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