SALZBURG JOURNAL

Thomas Bernhard und Salzburg

Er nannte die Siedlung, in der er seine Lehre machte, die Vorhölle, und das Mozarteum die denkbar schlechteste Musikhochschule. Zwischen 1972 und 1986 wurden fünf seiner Stücke bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Wie das zusammengeht.

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Thomas Bernhard und Salzburg

Ein Salzburger, der nicht in Salzburg geboren ist

Thomas Bernhard kam am 9. Februar 1931 in Heerlen in den Niederlanden zur Welt, als Sohn von Herta Bernhard (1904 bis 1950) und Alois Zuckerstätter (1905 bis 1940). Die schwangere Mutter war im Juni 1930 an die Hebammenschule in Heerlen gegangen; am Eingang zum heutigen Parc Imstenrade erinnert seit 2001 eine Gedenktafel an den niederländischen Geburtsort. Seine Mutter war die Tochter des Schriftstellers Johannes Freumbichler (1881 bis 1949), der für Bernhards Leben die prägende Figur wurde.

Aufgewachsen ist er zunächst bei den Großeltern in Wien, ab 1935 in Seekirchen am Wallersee, ab 1937 in Traunstein in Oberbayern. Nach Salzburg kam er 1944: Zuerst besuchte er dort das Internat, nach Kriegsende das Humanistische Staatsgymnasium. Die Lebensdaten führt die Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft in ihrer Zeittafel.

1947: der Abbruch und die Lehre

1947 brach er die Schule ab und begann in der Scherzhauserfeldsiedlung in Lehen eine kaufmännische Lehre im Gemischtwarengeschäft des Kaufmanns Podlaha, die er mit der Kaufmannsgehilfenprüfung abschloss. Es ist der Ort, der in seinem Werk die schärfste und zugleich zwiespältigste Beschreibung bekommen hat. In "Der Keller" heißt es:

"Ich erinnere mich meiner Lehrzeit, der wichtigsten Zeit meines Lebens, wie ich glaube, und naturgemäß erinnere ich mich der Menschenvorhölle, als welche ich für mich die Scherzhauserfeldsiedlung immer bezeichnet habe. Ich habe nicht gesagt, ich gehe in die Scherzhauserfeldsiedlung, wenn ich in die Scherzhauserfeldsiedlung gegangen bin, sondern ich habe gesagt, ich gehe in die Vorhölle."

Beides steht in einem Satz: die wichtigste Zeit seines Lebens und die Vorhölle. Wer für das Verhältnis zwischen Bernhard und dieser Stadt eine Formel sucht, findet sie hier - nicht in einer Zuschreibung von außen, sondern in seinem eigenen Text. Heute erinnern in der Siedlung eine Thomas-Bernhard-Straße und eine Skulptur von Peter Schwaighofer im mittleren Hof an ihn.

Grafenhof: drei Jahre Krankheit

Von 1948 bis 1951 war Bernhard krank: schwere Rippenfellentzündung, dann Lungentuberkulose, mit Aufenthalten in den Sanatorien Großgmain und Grafenhof bei St. Veit im Pongau. Mit 18 Jahren war er in diesen Klinikaufenthalten mit Sterben und Tod konfrontiert - eine Erfahrung, die sein gesamtes Werk durchzieht. In dieselben Jahre fallen drei Ereignisse, die sein weiteres Leben bestimmten. Am 11. Februar 1949 starb der Großvater Johannes Freumbichler. Am 27. Juli 1950 begegnete er im Sanatorium Hedwig Stavianicek, der um 37 Jahre älteren Frau, die er später seinen "Lebensmenschen" nannte; die Beziehung hielt bis zu ihrem Tod 1984. Und am 13. Oktober 1950 starb seine Mutter.

Im selben Jahr 1950 erschien im Salzburger Volksblatt seine erste literarische Veröffentlichung, die Erzählung "Das rote Licht", unter dem Pseudonym Thomas Fabian. Am 22. April 1952 folgte im Münchner Merkur die erste Lyrikveröffentlichung, das Gedicht "Mein Weltenstück".

Von 1952 bis 1955 arbeitete Bernhard als freier Mitarbeiter beim Demokratischen Volksblatt in Salzburg, und das Ressort, in dem er dort am regelmäßigsten schrieb, war der Gerichtssaal. Die Berichte erschienen ohne Namensnennung; welche von ihm stammen, weiß man nur, weil Bernhard und seine Familie sie sammelten und in einem eigenen Ordner im Nachlass ablegten. Die Titel lesen sich wie eine Vorstufe seiner späteren Prosa: "Mutter ließ ihr Kind verhungern" (20. November 1952), "Selbstmord in der Landesheilanstalt" (13. Februar 1953), "Fall Rupertinum endgültig entschieden" (31. März 1953). Die vollständige Liste mit Erscheinungsdaten führt die Thomas Bernhard Gesellschaft.

Saalfelden, Saalfeld - und ein Schreibfehler

Eine Episode aus "Ein Kind" erklärt, warum es in Thüringen eine Thomas-Bernhard-Gedenktafel gibt. Als Kind sollte er nach Saalfelden im Pinzgau geschickt werden; auf dem Pappendeckel um seinen Hals stand der Zielort, und niemand las ihn genau genug. Bernhard beschreibt es so:

"Es kam anders. Der Zug fuhr nicht Richtung Salzburg und nach Saalfelden, sondern Richtung München und nach Saalfeld in Thüringen. Die Meinigen hatten die Aufschrift auf dem Pappendeckel nur oberflächlich gelesen, die Abfahrt war schon in der Dunkelheit, ich war betrogen."

Er landete in einem Heim für als schwer erziehbar geltende Kinder. Zum 80. Geburtstag und 70 Jahre nach diesem unfreiwilligen Aufenthalt wurde 2011 am dortigen Steigerhaus eine Gedenktafel angebracht.

Auch die Orte des Salzburger Umlands stehen im Werk. In Seekirchen am Wallersee, wo er von 1935 bis 1937 mit den Großeltern lebte, erinnert ein Thomas-Bernhard-Weg an ihn; in Henndorf liegt das Grab seiner Mutter Herta Fabjan, und im Geburtshaus des Großvaters Johannes Freumbichler ist heute das Literaturhaus Henndorf untergebracht. In Traunstein, wo er von 1938 bis 1944 wohnte, führt die "Thomas-Bernhard-Stiege" hinauf - jene "sogenannte Dentistenstiege", die den Erzähler in "Ein Kind" zum Großvater nach Ettendorf bringt.

Das Mozarteum, 1955 bis 1957

Von 1955 bis 1957 besuchte Bernhard die damalige Hochschule für Musik und darstellende Künste Mozarteum in Salzburg, wo er nach Angaben der Thomas Bernhard Gesellschaft Dramaturgie und Schauspielkunst studierte; Gesangunterricht hatte er schon in den Jahren davor genommen. Sein Urteil darüber, formuliert Jahrzehnte später in "Der Untergeher", fällt genauso doppelbödig aus wie das über die Scherzhauserfeldsiedlung:

"Das Mozarteum war eine schlechte Schule, dachte ich beim Eintreten in das Gasthaus, andererseits gerade für uns die beste, denn sie hat uns die Augen geöffnet. [...] Das Mozarteum ist noch heute weltberühmt, aber es ist die denkbar schlechteste Musikhochschule, dachte ich."

2013, 65 Jahre nach ihrer Gründung, benannte die Universität Mozarteum ihre Abteilung Schauspiel und Regie nach ihm - nach eigener Formulierung nach "einem ihrer schillerndsten und streitbarsten Absolventen". Das Thomas Bernhard Institut führt heute die Studien Schauspiel, Regie und Applied Theatre, bringt nach eigenen Angaben rund 16 Produktionen im Jahr an drei Spielstätten heraus und schließt jährlich etwa 20 Studierende ab. Wie es sich in die Universität einordnet, steht im Beitrag zur Universität Mozarteum, das Studienangebot beim Institut selbst.

Erst Salzburg, dann der Durchbruch anderswo

Bernhards erste Bücher erschienen bei Salzburger Verlagen: 1957 der Gedichtband "Auf der Erde und in der Hölle" bei Otto Müller in Salzburg, 1958 dort auch "In hora mortis". Der literarische Durchbruch kam aber von außen: 1963 mit dem Roman "Frost" im Insel Verlag in Frankfurt. Ab 1967 erschien fast alles bei Suhrkamp.

1965 kaufte er in Ohlsdorf bei Gmunden in Oberösterreich ein verfallenes Bauerngehöft aus dem beginnenden 14. Jahrhundert und baute es in zehnjähriger Arbeit aus. Sein Lebensmittelpunkt lag von da an nicht mehr in Salzburg.

Fünf Uraufführungen bei den Festspielen

Und trotzdem: Von den insgesamt 18 uraufgeführten Theaterstücken Bernhards kamen zwischen 1972 und 1986 fünf bei den Salzburger Festspielen heraus. Zum Dramatiker wurde er ab 1970, als in Hamburg unter der Regie von Claus Peymann "Ein Fest für Boris" gespielt wurde.

  • 1972: Der Ignorant und der Wahnsinnige, Salzburger Landestheater, Regie Claus Peymann.
  • 1974: Die Macht der Gewohnheit.
  • 1981: Am Ziel.
  • 1985: Der Theatermacher.
  • 1986: Ritter, Dene, Voss.

Die erste dieser Premieren endete im Eklat. Am Ende des Stücks sollte die Bühne vollständig dunkel werden; bei der Premiere wurde die Notbeleuchtung entgegen der Absprache mit dem Regieteam nicht abgeschaltet, was zu Handgreiflichkeiten führte. Am 2. August 1972 telegrafierte Bernhard: "EINE GESELLSCHAFT DIE ZWEI MINUTEN FINSTERNIS NICHT VERTRAEGT KOMMT OHNE MEIN SCHAUSPIEL AUS". Kurz darauf wurden alle weiteren Vorstellungen der Produktion abgesagt. Die Festspiele selbst dokumentieren den Vorfall in ihrer Chronik der 1970er Jahre und ordnen ihn als Auftakt einer Serie wegweisender Bernhard-Uraufführungen ein. Welche Häuser dafür in Frage kommen, steht im Überblick zu den Veranstaltungsorten in Salzburg.

Die Ursache, 1975

Die Abrechnung mit der Stadt kam schriftlich und ausgerechnet in einem Salzburger Verlag heraus. 1975 erschien im Residenz-Verlag in Salzburg "Die Ursache. Eine Andeutung", der erste Band der fünfteiligen autobiografischen Reihe, die Bernhards Salzburger Jahre behandelt. Es folgten:

  • 1976: Der Keller. Eine Entziehung - die Lehrzeit in der Scherzhauserfeldsiedlung.
  • 1978: Der Atem. Eine Entscheidung - die Krankheit.
  • 1981: Die Kälte. Eine Isolation - Grafenhof.
  • 1982: Ein Kind - die Kindheit vor allem anderen.

Bernhard hat sich in diesen fünf Bänden nicht an einer beliebigen Stadt abgearbeitet, sondern an der, in der er Schule, Lehre, Krankheit und Ausbildung erlebt hat. Dass er dabei nie freundlich wurde, gehört zum Verfahren: Die Übertreibung ist bei ihm Stilmittel, nicht Sachaussage. Wer aus einzelnen Sätzen ein Urteil über Salzburg destillieren will, übersieht, dass dieselben Sätze auch über Wien, Österreich und den Literaturbetrieb fallen.

Das Ende und der Streit danach

Thomas Bernhard starb am 12. Februar 1989 in Gmunden - genau vierzig Jahre und einen Tag nach seinem Großvater. Zuvor war am 4. November 1988 trotz einer österreichweiten Kampagne gegen das Stück "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater uraufgeführt worden, wieder in der Regie von Claus Peymann.

Sein Nachlass wird seit 1998 von der Thomas-Bernhard-Privatstiftung verwaltet, die sein Bruder und Erbe Peter Fabjan einrichtete und die auch das Erbe des Großvaters Johannes Freumbichler betreut. 1999 wurde die Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft gegründet, 2001 das Thomas-Bernhard-Archiv, zunächst in der Kleinen Villa Toscana in Gmunden.

Die Rechte sind bis heute geteilt, und die Teilung folgt der Salzburger Linie: Die autobiografischen Schriften und einzelne weitere Titel liegen beim Residenz Verlag, alles Übrige bei Suhrkamp, die Aufführungsrechte beim Suhrkamp Theater Verlag. Rechte an Texten und Bildern vergibt die Gesellschaft selbst ausdrücklich nicht.

Auseinandersetzungen gehörten bis zuletzt dazu: 1984 wurde der Roman "Holzfällen. Eine Erregung" in Österreich nach einer Klage von Gerhard Lampersberg per einstweiliger Verfügung beschlagnahmt - Lampersberg, mit dem Bernhard zwischen 1957 und 1960 befreundet gewesen war, fühlte sich verunglimpft; 1985 zog er die Klage zurück. Wer die Werkbiografie im Detail nachlesen will, findet sie in der Werkübersicht der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft; die Salzburger Erinnerungsorte samt Zitaten stehen auf deren Seite zu den Spuren. Seine Bücher liegen in den Buchhandlungen der Stadt.

Stand August 2026. Lebensdaten, Werkchronologie und die zitierten Stellen aus "Der Keller" und "Der Untergeher" nach der Zeittafel und den Erinnerungsorten der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft in Gmunden; Angaben zur Uraufführung von 1972 samt Telegrammtext nach der Chronik der Salzburger Festspiele; Angaben zum Thomas Bernhard Institut nach der Universität Mozarteum.

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