Stefan Zweig in Salzburg
Fünfzehn Jahre am Kapuzinerberg, in denen Amok, Sternstunden der Menschheit und Marie Antoinette entstanden. 1934 durchsuchte die Polizei sein Haus nach Waffen, 1937 verkaufte er es. Was Zweig nach Salzburg brachte und was ihn vertrieb.
Ein Wiener kauft ein Haus über Salzburg
Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren, als Sohn des Textilindustriellen Moriz Zweig und dessen Frau Ida, geborene Brettauer. Nach der Matura am Maximilian-Gymnasium 1900 studierte er bis 1904 Philosophie und Literaturwissenschaft in Wien, ein Sommersemester 1902 in Berlin, und promovierte 1904 mit einer Arbeit über Hippolyte Taine.
Als er nach Salzburg kam, war er längst etabliert. Erste Gedichte hatte er ab 1896 veröffentlicht, den ersten Gedichtband "Silberne Saiten" 1901, den ersten Prosaband "Die Liebe der Erika Ewald" 1904. Ab 1902 schrieb er für die Neue Freie Presse, vermittelt von Theodor Herzl, dazu für Zeitungen in Deutschland, Prag und Budapest. Ab 1906 erschien sein Werk im Insel-Verlag in Leipzig, für den er auch als Herausgeber, Berater und Vermittler arbeitete; Konzeption und Programm der Insel-Bücherei und der Reihe Bibliotheca mundi stammen wesentlich von ihm. Diese Angaben und die folgenden Werkdaten stehen im Eintrag des Österreichischen Biographischen Lexikons.
Am 27. Oktober 1917 kaufte Zweig das Haus Kapuzinerberg 5, das sogenannte Paschinger Schlössl auf dem Kapuzinerberg, gemeinsam mit der Schriftstellerin Friderike von Winternitz. Eingezogen sind sie im Mai 1919, mit ihren beiden Töchtern Alix und Suse aus geschiedener Ehe. Geheiratet wurde am 28. Jänner 1920 im Wiener Rathaus - bei der Zeremonie war die Braut nicht anwesend und ließ sich vom gemeinsamen Freund Felix Braun vertreten. Die Daten stammen aus dem Lebenskalender der Plattform Stefan Zweig digital.
Warum ausgerechnet Salzburg
Die Wahl war keine Fügung, sondern eine Entscheidung gegen die Großstadt. Zweig hatte 1914 sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet und war nach der Grundausbildung im Kriegsarchiv gelandet; seine anfängliche Kriegsbegeisterung schliff sich im brieflichen Austausch mit Romain Rolland ab. Das biblische Drama "Jeremias", dessen Held ein vergeblicher Warner vor dem Krieg ist, wurde 1918 in Zürich uraufgeführt. Ab November 1917 hielt er sich als Reporter der Neuen Freien Presse in der Schweiz auf, mit Begegnungen mit pazifistischen und linken Autoren in Zürich, Basel und Genf - an deren Aktionen und Zeitschriften mitzuwirken lehnte er allerdings ab.
Salzburg lag verkehrsgünstig zwischen Wien und München, war klein genug für Arbeitsruhe und groß genug für Besuch. Genau so nutzte Zweig das Haus: zurückgezogen arbeitend, aber mit einem stetigen Strom internationaler Gäste. Die Stadt Salzburg beschreibt diese Doppelrolle in ihrem Porträt in der Reihe Prägende jüdische Persönlichkeiten.
Reisen gehörten trotzdem dazu, und die Namen im Terminkalender sagen einiges über seine Stellung. Im Juni 1925 fuhr er über München nach Leipzig, traf dort Romain Rolland beim Deutschen Händelfest und fuhr mit ihm weiter nach Weimar ins Nietzsche-Archiv. Im November und Dezember 1926 absolvierte er eine Lesereise durch elf deutsche Städte, im September 1928 reiste er zur Gedenkfeier für Tolstois 100. Geburtstag nach Russland. Am 13. Mai 1929 traf er in Salzburg zum ersten Mal Joseph Roth. Und am 13. Oktober 1929 hielt er im Wiener Burgtheater die Gedächtnisrede für den im Juli verstorbenen Hugo von Hofmannsthal.
Was am Kapuzinerberg entstanden ist
Die erste Hälfte der 1920er Jahre ist die produktivste Phase seines Lebens - und es sind die Bücher aus dieser Zeit, die ihn über die Übersetzungen weltweit bekannt machten.
- Erzählungen und Novellen: "Amok" (1922), "Verwirrung der Gefühle" (1927), "Sternstunden der Menschheit" (1927).
- Essaybände: "Drei Meister" (1920), "Der Kampf mit dem Dämon" (1925), "Drei Dichter ihres Lebens" (1928), "Die Heilung durch den Geist" (1931).
- Historische Biografien: "Joseph Fouché" (1929), "Marie Antoinette" (1932).
Dazu kam die Bühne. Am 6. November 1926 wurde im Wiener Burgtheater seine Komödie "Volpone" nach Ben Jonson uraufgeführt - Zweig war nicht anwesend. Es war nicht sein erstes Stück: Bereits 1907 hatte er mit dem Trauerspiel "Tersites" das erste von insgesamt zehn Theaterstücken veröffentlicht. Parallel arbeitete er seit 1900 als Übersetzer und Herausgeber, unter anderem von Baudelaire, Verlaine und Rimbaud; von 1904 bis 1910 setzte er sich intensiv für das Werk des belgischen Autors Emile Verhaeren ein, danach für das von Romain Rolland - beiden widmete er eine Biografie.
1933, im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland, gehörte Zweig zu den meistgelesenen Autoren deutscher Sprache und war durch Übersetzungen in zahlreiche Sprachen weltberühmt. Im selben Jahr endete die Zusammenarbeit mit dem Insel-Verlag, bei dem sein Werk seit 1906 erschienen war: Am 14. Oktober 1933 veröffentlichte das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel ohne seine Erlaubnis einen Brief an seinen Verleger Anton Kippenberg, in dem er sich von der von Klaus Mann herausgegebenen Exilzeitschrift "Die Sammlung" distanzierte. In der Folge kam es zum Bruch. Ein halbes Jahr zuvor, am 12. März 1933, waren bei einer Lesung im Schweizer Rundfunk in Bern die beiden einzigen heute bekannten Tonaufnahmen seiner Stimme entstanden.
1934: eine Hausdurchsuchung und ein Entschluss
Zweig plante schon Anfang 1933, Salzburg zu verlassen. Ausschlaggebend wurde aber erst das folgende Jahr. Nach den Februarkämpfen 1934 durchsuchte die Polizei im austrofaschistischen Österreich um den 17. Februar 1934 das Haus auf dem Kapuzinerberg nach Waffen des verbotenen Republikanischen Schutzbundes - eine politisch motivierte Aktion, nach Darstellung der Stadt Salzburg ohne rechtliche Grundlage. Zweig zog daraus den Schluss, dass er nicht mehr sicher war. Er meldete sich bei den Behörden ab, verlegte seinen Wohnsitz über Paris nach London und mietete dort ein Apartment im Haus 11 Portland Place. Die Familie blieb zunächst in Salzburg.
Im März oder April 1934 stellte er in London Lotte Altmann als Sekretärin ein, die aus Deutschland geflüchtet war; aus dem Arbeitsverhältnis wurde eine Beziehung. 1937 verkaufte er das Haus am Kapuzinerberg, 1938 wurde die Ehe mit Friderike geschieden, kurz darauf heiratete er Lotte.
Wie weit der Ausschluss reichte, zeigte sich 1935 an einer Oper. Am 24. Juni 1935 wurde in der Sächsischen Staatsoper in Dresden "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss uraufgeführt, mit einem Libretto von Zweig nach einer Vorlage von Ben Jonson. Zweig war nicht anwesend. Wegen seiner jüdischen Herkunft verbot die nationalsozialistische Regierung die Oper nach vier Aufführungen.
Aus dem Exil versuchte er, die Rolle des Intellektuellen gegen die Diktatur zu bestimmen - am deutlichsten in den historischen Studien "Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam" (1934) und "Castellio gegen Calvin" (1936).
Der 30. April 1938 am Residenzplatz
Wenige Wochen nach dem Anschluss wurde Zweigs Werk in seiner ehemaligen Wohnstadt öffentlich verbrannt. Am 30. April 1938 errichtete man nördlich des Brunnens auf dem Residenzplatz, nahe der Michaelskirche, einen Scheiterhaufen. Die Hitlerjugend hatte zuvor rund 1.200 Bücher aus Bibliotheken, Buchhandlungen und Privathaushalten eingesammelt, ein Teil davon wurde verbrannt. Genannt wurden etwa 50 Autoren, darunter Heinrich Heine, Arthur Schnitzler, Else Lasker-Schüler, Franz Werfel - und Stefan Zweig. Die gedruckte Einladung zur "Verbrennung jüdischer und klerikaler Bücher" war vom Nationalsozialistischen Lehrerbund, Gau Salzburg, unter Landesschulrat Karl Springenschmid unterzeichnet.
Die Stadt brachte 2011 eine Gedenktafel an der Michaelskirche an. Am 30. April 2018, achtzig Jahre nach der Tat, wurde an der Westwand der Neuen Residenz das Mahnmal "Buchskelett" von Fatemeh Naderi und Florian Ziller enthüllt: ein schwarzes Buchskelett auf hellem Grund, nach den Worten der Gestaltenden "wie Bild und Text auf Papier". Die Dokumentation dazu führt die Stadt Salzburg in ihrem Projekt zur NS-Geschichte.
London, Bath, Petrópolis
Fünf Jahre lebte Zweig in London, im Sommer 1939 zog er nach Bath, wo er wieder ein Haus kaufte. 1940 erhielten er und Lotte die britische Staatsbürgerschaft. Ende Juni 1940 reisten beide in die USA und weiter nach Brasilien, von Jänner bis August 1941 noch einmal in die USA, danach zurück nach Brasilien und ab September 1941 nach Petrópolis nördlich von Rio de Janeiro.
Das Spätwerk ist von der Exilerfahrung bestimmt: die Biografien über Maria Stuart, Magellan und Amerigo Vespucci, der Roman "Ungeduld des Herzens", die Fragment gebliebenen Manuskripte - und die beiden letzten fertiggestellten Texte, die Erinnerungen "Die Welt von Gestern" und die "Schachnovelle", die erst posthum erschienen. Am 23. Februar 1942 nahmen sich Stefan und Lotte Zweig in Petrópolis das Leben.
Der Nachlass kommt nach Salzburg zurück
Seit über zehn Jahren arbeiten in Salzburg zwei Einrichtungen an Zweigs Werk: das Stefan Zweig Zentrum in der Edmundsburg auf dem Mönchsberg und das Literaturarchiv Salzburg. Wo das Zentrum liegt und wann es geöffnet hat, steht im Überblick zur Literatur in Salzburg.
2025 hat die Universität Salzburg beschlossen, beide zusammenzuführen und mit Unterstützung von Stadt und Land ein Stefan Zweig Haus als Weltzentrum zu schaffen. Der Festakt zur Gründung fand am 30. April 2025 statt, dem Gedenktag der Salzburger Bücherverbrennung. Geleitet wird das Haus von Werner Michler, Professor für Neuere deutsche Literatur, gemeinsam mit Martina Wörgötter vom Stefan Zweig Zentrum und Lina Maria Zangerl vom Literaturarchiv. Künftiger Standort ist die Neue Residenz, in der derzeit für das Salzburg Museum und das Belvedere Salzburg umgebaut wird; zentrale Ausstellungsfläche soll die Max Gandolph Bibliothek mit angrenzenden Räumen werden.
Zur Gründung übergaben die in London lebenden Erben - darunter Zweigs Nichte Eva Alberman - der Universität einen wertvollen Teil des Nachlasses aus der Exilzeit in Großbritannien, den USA und Brasilien. Dass die Schenkung nicht an eine britische Universität ging, führt die Universität wesentlich auf die Vermittlung der langjährigen Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler zurück. Den Gründungsakt dokumentiert die Universität Salzburg.
Wer selbst in den Quellen lesen will, kommt ohne Anreise aus. Seit 9. Juni 2018 betreibt das Literaturarchiv die Plattform Stefan Zweig digital, die den literarischen Nachlass erschließt: über 50 Werkmanuskripte und 13 Notizbücher mit handschriftlichen Aufzeichnungen aus dem Salzburger Bestand, dazu Lebensdokumente, Korrespondenzen, Rezensionssammlungen und Fotografien. Eingebunden sind auch die Bestände der Daniel A. Reed Library in Fredonia im Bundesstaat New York, der National Library of Israel und des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Dazu kommen ein Werkindex, ein Lebenskalender und Rekonstruktionen von Zweigs Privatbibliothek sowie seiner Autographensammlung, die als eine der bedeutendsten ihrer Zeit gilt.
Stand August 2026. Lebensdaten, Werkangaben und Emigrationsstationen nach dem Österreichischen Biographischen Lexikon der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; Angaben zu den Salzburger Jahren und zur Hausdurchsuchung nach der Stadt Salzburg, zu Bücherverbrennung und Mahnmal nach dem NS-Projekt der Stadt Salzburg, zum Stefan Zweig Haus und zur digitalen Plattform nach der Universität Salzburg. Der Umbau der Neuen Residenz läuft, der Bezugstermin des Stefan Zweig Hauses stand zum Redaktionsschluss nicht fest.