Die Vertreibung der Salzburger Protestanten 1731/32
Am 31. Oktober 1731 erließ Fürsterzbischof Leopold Anton von Firmian das Emigrationspatent. Wer kein Haus besaß, hatte acht Tage Zeit. Über 20.000 Menschen verließen das Erzstift, rund ein Sechstel der Bevölkerung - im Winter, zu Fuß, viele ohne ihre Kinder.
Wie der Protestantismus ins Erzstift kam
Die Lehren Martin Luthers verbreiteten sich im Erzstift Salzburg schnell, und zwar auf zwei Wegen: über Druckschriften, die aus dem Reich hereinkamen, und über reisende Bergknappen. Die Knappen waren mobil, sie arbeiteten mal in Sachsen, mal am Dürrnberg, mal im Pongau, und sie brachten mit, was sie unterwegs gehört hatten. Aus dieser Mischung entstand in den Gebirgsgauen ein Geheimprotestantismus, der zweihundert Jahre lang hielt - gut getarnt, mündlich weitergegeben, gestützt auf geschmuggelte Bücher.
Der Anfang war nicht einmal besonders heimlich. Von 1522 bis 1524 war Johann Staupitz Abt von St. Peter - jener Mann, der zuvor Luthers Ordensvorgesetzter und Vertrauter gewesen war. 1525 und 1526 erschütterte ein Bauernaufstand das Land, getragen vor allem von sozialen Missständen, aber auch von konfessionellen Motiven; Erzbischof Matthäus Lang von Wellenburg schlug ihn mit österreichischen und schwäbischen Truppen nieder. 1528 wurde der Priester Georg Scherer in Radstadt hingerichtet und damit zum protestantischen Märtyrer. 1565 gestand Erzbischof Johann Jakob Khuen-Belasi die Kommunion in beiderlei Gestalt zu und verbot sie 1571 wieder. Diese Ereignisfolge hat der Historiker und Münzsammlungsbetreuer Erich Erker in einem Gastvortrag an der Universität Salzburg zusammengestellt, auf den sich die Chronologie dieses Textes in weiten Teilen stützt.
Drei Vertreibungen vor der großen
1731 war nicht der erste Anlauf. 1588 wies Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau die Protestanten aus der Stadt Salzburg aus. Während des Dreißigjährigen Krieges und in den Jahrzehnten danach passierte wenig - die Erzbischöfe hatten andere Sorgen, und der Geheimprotestantismus im Gebirge blieb weitgehend unbehelligt.
1684 bis 1686 holte Erzbischof Max Gandolph Graf von Küenburg das Thema zurück. Er ließ die Protestanten aus dem Defereggental ausweisen, das damals zum Erzstift gehörte, und dazu die evangelischen Knappen des Salzbergwerks am Dürrnberg. Unter den vertriebenen Dürrnbergern war ein Bergknappe, dessen Wirkung niemand vorhersah: Joseph Schaitberger, geboren 1658 am Dürrnberg, gestorben 1733 in Nürnberg. Aus dem Exil schrieb er evangelische Sendbriefe und Lieder an seine Landsleute, die wohlhabende Gönner drucken ließen und die nach Salzburg zurückgeschmuggelt wurden. Der Sammelband trug den Titel „Evangelischer Sendbrief an die Landsleute in Salzburg". Schaitberger wurde damit zum geistigen Anführer einer Bewegung, die er selbst nie wiedersah; am Dürrnberg erinnert heute ein Protestantenweg mit einem Aussichtspunkt an ihn.
Firmian, die Jesuiten und der Gegeneffekt
Ab 1727 betrieb Fürsterzbischof Leopold Anton Freiherr von Firmian gemeinsam mit seinem Kanzler Cristani von Rall die Gegenreformation in den Gebirgsgauen mit neuer Härte. Erstmals wurden Jesuiten nach Salzburg geholt. Es folgten Hausdurchsuchungen nach evangelischen Schriften, Bücherverbrennungen, Verhöre, Geld- und Kerkerstrafen, vereinzelte Landesverweisungen.
Der beabsichtigte Effekt trat nicht ein. Statt Einschüchterung entstand Solidarisierung: Die Protestanten in Pongau, Pinzgau und Teilen des Tennengaus vernetzten sich, tauschten Nachrichten aus und begannen, sich als Gruppe zu begreifen. Was als Zermürbung gedacht war, organisierte den Gegner.
Die Bittschrift der 19.000 und der Salzbund von Schwarzach
Im Juni 1731 überreichten Abgesandte den evangelischen Reichsständen am Immerwährenden Reichstag in Regensburg eine Bittschrift, die als „Bittschrift der 19.000" in die Geschichte einging. Darin bekannten sich die Unterzeichner offen zur evangelischen Lehre, klagten über die Unterdrückung und forderten zweierlei: freie Religionsausübung oder die Möglichkeit zur Auswanderung.
Das Dokument hatte zwei formale Fehler, die später schwer wogen. Es nahm nicht ausdrücklich auf die Augsburger Konfession Bezug, und es forderte die im Westfälischen Frieden garantierte dreijährige Abzugsfrist nicht explizit ein. Beides gab der Salzburger Hofkanzlei später juristischen Spielraum.
Im August 1731 kam es zum bekanntesten Moment dieser Vorgeschichte. In Schwarzach im Pongau trafen sich rund 150 Vertreter der Salzburger Protestanten in einem Wirtshaus, nachdem bekannt geworden war, dass Firmian Truppen ins Gebirge schicken würde. Vor Beginn der Beratung tauchte jeder die Finger der rechten Hand in ein Salzfass auf dem Tisch, hob sie und schwor, im evangelischen Glauben standhaft zu bleiben. Aus diesem Salzlecken wurde der Name „Salzbund". Die Marktgemeinde führt den Vorgang bis heute in ihrer Ortsgeschichte; am Marktplatz steht dazu der Salzleckerbrunnen.
Im schriftlichen Bekenntnis, das die 150 bekräftigten, stand ausdrücklich, dass es nicht um Aufruhr gehe, sondern um Religionsfreiheit. Firmian und Rall lasen es anders. Sie werteten die Versammlung als Aufstand und holten kaiserliche Truppen ins Land.
Das Emigrationspatent vom 31. Oktober 1731
Das Patent trägt das Datum 31. Oktober 1731 und wurde am 11. November 1731 von den Kanzeln verlesen. Sein juristischer Kern ist eine Umdeutung: Weil die Protestanten darin zu Rebellen erklärt wurden, musste ihnen die dreijährige Abzugsfrist des Westfälischen Friedens nicht gewährt werden. Rebellen sind keine emigrierenden Glaubensgenossen, sondern Aufrührer - und für die galt anderes Recht.
Daraus ergaben sich Fristen, die den Unterschied zwischen Besitz und Besitzlosigkeit brutal ausbuchstabierten:
- „Unangesessene" ohne Haus und Hof sowie Handwerker: acht Tage.
- „Angesessene" mit Grundbesitz: je nach Vermögen ein bis drei Monate, mit dem Recht, Haus und Grund zu verkaufen.
Die Fristen wurden danach unter dem Druck der auswärtigen protestantischen Mächte etwas verlängert. An der Reihenfolge änderte das nichts: Wer nichts hatte, ging zuerst, und zwar mitten im Winter.
Die Ereignisse in der Reihenfolge
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 1522 bis 1524 | Johann Staupitz, Luthers früherer Ordensvorgesetzter, ist Abt von St. Peter |
| 1525/26 | Bauernaufstand, niedergeschlagen von Erzbischof Matthäus Lang von Wellenburg |
| 1588 | Wolf Dietrich von Raitenau weist die Protestanten aus der Stadt Salzburg aus |
| 1684 bis 1686 | Max Gandolph von Küenburg vertreibt Defereggental und Dürrnberger Knappen, darunter Joseph Schaitberger |
| ab 1727 | Firmian verschärft die Gegenreformation, Jesuiten kommen ins Land |
| Juni 1731 | Bittschrift der 19.000 an die evangelischen Reichsstände in Regensburg |
| August 1731 | Salzbund: 150 Vertreter schwören in Schwarzach das Salzlecken |
| 31. Oktober 1731 | Emigrationspatent, verlesen am 11. November |
| November 1731 bis Jänner 1732 | rund 4.000 „Unangesessene" werden ausgewiesen |
| 2. Februar 1732 | Einladungspatent Friedrich Wilhelms I. von Preußen |
| April bis August 1732 | rund 16.000 „Angesessene" ziehen nach Ostpreußen |
| 1734 | 42 Salzburger Familien gründen Ebenezer in der Kolonie Georgia |
| 1781 | Toleranzpatent Josephs II. beendet die Untergrundexistenz |
| 1966 | Erzbischof Andreas Rohracher bittet um Vergebung |
Der Winter der Unangesessenen
Zwischen November 1731 und Jänner 1732 wurden rund 4.000 Menschen ohne Grundbesitz gewaltsam außer Landes gebracht: Knechte, Mägde, Handwerker, Tagelöhner. Sie zogen im Hochwinter über die Grenze, und viele mussten dabei etwas zurücklassen, das kein Vertrag regelt. Kinder wurden vielfach zurückgehalten, um sie katholisch erziehen zu lassen. Aufgenommen wurden die Ersten vor allem in Memmingen, Ulm und in Württemberg.
Genau an diesem Punkt zerfällt die juristische Konstruktion des Patents. Die Vertreibung als solche entsprach dem Grundsatz cuius regio, eius religio - der Landesherr bestimmte die Konfession. Das Zurückhalten der Kinder aber lässt sich, wie Erker in seiner Nachbetrachtung festhält, rechtlich mit nichts begründen.
Preußen wirbt, und zwar gezielt
Am 2. Februar 1732 erließ der preußische König Friedrich Wilhelm I. ein Einladungspatent. Das war kein humanitärer Reflex, sondern Bevölkerungspolitik: Ostpreußen war durch die große Pest zu Beginn des 18. Jahrhunderts entvölkert, und die Salzburger waren erfahrene Bauern und Handwerker. Wer nach Ostpreußen ging, wurde zum preußischen Bürger erklärt; Preußen erklärte sich zur Schutzmacht für den Durchzug durch Deutschland und gewährte Reisegeld.
Zwischen April und August 1732 zogen rund 16.000 „Angesessene" nach Ostpreußen. Die Hauptroute führte über Augsburg, dazu gab es mehrere Nebenrouten. In den meisten Städten wurden die Züge freundlich empfangen und versorgt - die Salzburger waren zu diesem Zeitpunkt bereits eine europäische Nachricht. Trotzdem starben auf der Reise rund 800 Menschen, davon etwa 700 Kinder.
Zentrum des Siedlungsgebiets wurde Gumbinnen. Der Salzburger Verein, der aus den Nachfahren dieser Auswanderer hervorging und heute in Bielefeld sitzt, datiert in seiner Vereinschronik die Gründung eines Salzburger Hospitals in Gumbinnen auf den Jänner 1740 und die Gründung des Vereins selbst auf den 22. Februar 1911.
Ebenezer, und die Enttäuschten aus Holland
Nicht alle gingen nach Osten. Einige hundert Salzburger folgten einer Einladung der Vereinigten Niederlande, waren dort aber unzufrieden und kehrten größtenteils nach Deutschland zurück.
Die kleinste und zugleich bekannteste Gruppe segelte in die andere Richtung. 1734 erreichten 42 Salzburger Familien - rund 300 Personen - die englische Kolonie Georgia in Nordamerika. Sie landeten laut der New Georgia Encyclopedia am 7. März 1734 in Charleston, zogen am 12. März nach Savannah weiter und gründeten die Siedlung Ebenezer. Der erste Platz erwies sich als sumpfig; etwa dreißig Siedler starben in den ersten zwei Jahren an Ruhr. Anfang 1736 wies James Oglethorpe der Gruppe einen neuen Platz auf den hohen Uferbänken über dem Savannah River zu - New Ebenezer, wo Mühlen, Sägewerke und eine Seidenmanufaktur entstanden. Bis 1752 wuchs die Gemeinde auf rund 1.200 Menschen und dehnte sich nordwärts nach Bethany aus. Geführt wurde sie von dem Pfarrer Johann Martin Boltzius; nach seinem Tod 1765 zerfiel der Zusammenhalt, der Unabhängigkeitskrieg zerstörte den Rest.
Was im Erzstift zurückblieb
Die Größenordnung lässt sich in einem Satz sagen: Über 20.000 Menschen - je nach Zählung bis zu 22.000 - verließen das Erzstift, das ist rund ein Sechstel der damaligen Bevölkerung. In den betroffenen Gebirgsgauen war der Anteil ungleich höher, weil die Vertreibung fast ausschließlich Pongau, Pinzgau und Teile des Tennengaus traf. Höfe standen leer, Handwerksstellen blieben unbesetzt, ganze Talschaften verloren ihre arbeitsfähige Generation.
Nach außen wirkte der Vorgang anders. Ab 1732 wurde Deutschland mit Flugblättern, Büchern und Druckgrafiken über die Salzburger regelrecht überschwemmt; die Emigranten galten als Sinnbild standhaften Glaubens. Augsburger Silberschmiede vermarkteten das Ereignis mit kunstvollen Gedenkmedaillen - kein anderes Fluchtereignis der Zeit wurde so oft in Metall geschlagen. Ein Schlüsselstück ist die Schraubmedaille von Abraham Remshard aus dem Jahr 1732, in deren Inneres sich ein ganzer Bilderzyklus einlegen ließ. Als das Salzburg Museum die Geschichte 2017/18 unter dem Titel „Reformation 500" zeigte, standen genau diese Medaillen im Zentrum; die Nachrichtenagentur der katholischen Kirche hat die Eröffnung dokumentiert.
Vom Toleranzpatent bis zur Vergebungsbitte
Der Untergrund endete 1781 mit dem Toleranzpatent Kaiser Josephs II., das den Anhängern der Augsburger und Helvetischen Konfession eine begrenzte Religionsfreiheit zugestand. Rechtlich gleichgestellt wurden die evangelischen Gemeinden aber erst 1861 mit dem Protestantenpatent Franz Josephs I. - erst damit durften evangelische Kirchen Türme und Fenster wie katholische haben.
In der Stadt Salzburg ging das schnell: Die evangelische Gemeinde wurde 1863 gegründet, unmittelbar danach begann nach Plänen des Architekten Jacob Götz der Bau der Christuskirche aus rötlichem Backstein mit Rahmung aus Salzburger Konglomerat. 1867 war sie fertig, geweiht wurde sie am 8. September desselben Jahres. Die Mittel kamen zu einem erheblichen Teil aus dem protestantischen Norden, unter anderem von König Wilhelm I. von Preußen - eine späte Verbindung zu jenem Staat, der 1732 die Ausgewiesenen aufgenommen hatte. Die Stadt führt das Gebäude in ihrer Ortsbeschreibung.
Die Aufarbeitung brauchte länger. Anlässlich der Amtseinführung des ersten evangelischen Superintendenten der neuen Superintendenz Salzburg und Tirol am 27. März 1966 bat Erzbischof Andreas Rohracher um Vergebung für die Vertreibung. Angenommen wurde diese Bitte formell erst fünfzig Jahre später, im März 2016, mit einem Symposion und einem ökumenischen Dankgottesdienst in der Christuskirche.
Wer den Ereignissen im Gelände nachgehen will, findet die dichtesten Spuren nicht in der Stadt, sondern im Gebirge: der Salzleckerbrunnen am Marktplatz von Schwarzach, der Protestantenweg am Dürrnberg oberhalb von Hallein, wo Schaitberger arbeitete, und die Pongauer Talschaften, aus denen die Marschzüge aufbrachen. Zum Dürrnberg und seiner Rolle im Salzwesen steht mehr im Beitrag zu den Salzwelten Hallein, zur Machtgrundlage des Erzstifts im Beitrag über die Fürsterzbischöfe.
Stand August 2026. Chronologie, Fristen und Zahlen nach dem Gastvortrag von Erich Erker an der Universität Salzburg (Fachbereich Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte, 14. Jänner 2016) sowie nach katholisch.at; Salzbund und Ortsgeschichte nach der Marktgemeinde Schwarzach im Pongau; Ostpreußen und Gumbinnen nach dem Salzburger Verein; Georgia nach der New Georgia Encyclopedia; Kirchengeschichte nach der Evangelischen Pfarrgemeinde Salzburg-Christuskirche und der Stadt Salzburg. Die Angaben zur Gesamtzahl der Vertriebenen schwanken je nach Quelle zwischen 20.000 und 22.000.